BASEL/INTERVIEW - B'nai B'rith ehrt Professor Ekkehard
Stegemann für seine Verdienste
«Aufklärung bleibt das einzige Mittel gegen eine
verzerrte Wahrnehmung»
Dem Basler Theologieprofessor Ekkehard
Stegemann wurde in einer öffentlichen Zeremonie die Goldmedaille «For
Distinguished Leadership and Service for Humanity» des europäischen B'nai
B'rith überreicht. Stegemann wird für seinen unermüdlichen Einsatz im
christlichen-jüdischen Dialog, sein Bemühen um die Aufarbeitung und das
Bekämpfen des Antisemitismus sowie für die Verankerung judaistischer Studien
an den Schweizer Universitäten geehrt. Mit Professor Ekkehard Stegemann
unterhielt sich Chefredaktor Simon Erlanger.
J!UDISCHE RUNDSCHAU: Sie sind aktiv im
christlich-jüdischen Dialog und der Aufarbeitung des kirchlichen
Antisemitismus tätig. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe?
EKKEHARD STEGEMANN: Da ich ja Theologe bin, ist
es für mich entscheidend, dass ich mich mit der antijüdischen Tradition des
Christentums auseinandersetze. Da ich aber zugleich historisch informiert
bin, weiss ich, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem modernen,
politischen, rassistischen und eliminatorischen Antisemitismus der Nazis und
eben denselben Wurzeln in der antijudaistischen Tradition des Christentums.
Meine Aufgabe sehe ich darin, nicht nur gegen Antisemitismus in
wissenschaftlichen Zusammenhängen in der Öffentlichkeit Stellung zu nehmen,
sondern auch an der Aufklärung dieses Phänomens zu arbeiten. Ich denke,
Antisemitismus stellt nicht nur die Frage nach dem Verhältniss von
Nichtjuden zu Juden, sondern hat mit der westlichen Kultur überhaupt zu tun.
Sie kommen von der neutestamentlichen
Lehre und Forschung her. Wie sind Sie auf das Thema des Antisemitismus
gekommen? Ist er gewissen kirchlichen Lehren inhärent?
Ja, das denke ich. Früh habe ich angefangen,
mich damit zu beschäftigen. Ich bin sechs Monate nach Ende des Zweiten
Weltkrieges in Deutschland geboren und in einer Welt sozialisiert worden, in
welcher der Faschismus ideologisch noch gar nicht überwunden war. Bis in die
Schule hinein bin ich immer wieder auf antijüdische Stereotypen gestossen
und habe dann immer stärker gesehen, dass es da eine gar nicht so
unterirdische Verbindung zum Christentum gab. Ich habe auch schon zu Beginn
meines Theologiestudiums versucht, über das Judentum zu lernen. Ich hatte in
Heidelberg einen jüdischen Lehrer, bei dem ich Talmud und Midrasch gelernt
habe. Er war ein Überlebender von Auschwitz, und ich habe dann eine sehr
enge Beziehung zu ihm gehabt. Dank ihm habe ich immer deutlicher die
Differenz zwischen der Wirklichkeit und der verzerrten Perspektive
kirchlicher Traditionen wahrgenommen. So hat er, als meine erste
Talmudstunde über den Traktat «Nesikin» begann, zu mir gesagt: «Wissen Sie,
Herr Stegemann, Sie beschäftigen sich ja mit dem Neuen Testament, ich bin
eben ein Pharisäer, damit Sie's klar wissen», das war eine ganz wichtige
Erfahrung. Ich habe gemerkt, da stimmt etwas nicht! Durch diese persönliche
Bekanntschaft konnte ich die Verzerrungen des Neuen Testaments bezüglich der
Pharisäer nicht mehr glauben, und so habe ich dann begonnen, mich mit diesen
Dingen auch wissenschaftlich auseinanderzusetzen.
Sie haben den Ausdruck von der
«antisemitischen Grundierung» der Gesellschaft geprägt. Können Sie das etwas
erläutern? Es ist ja so, dass die Gesellschaft heutzutage nur noch bedingt
christlich ist.
Ja, das ist so. Aber in der europäischen, durch
das Christentum geprägten Zivilisation sind die Feindbilder weiter tradiert
worden. Neue Ideologien können ohne Kontakt mit traditionellen Vorstellungen
ein Feindbild ohnehin nicht erzeugen. Ich glaube, das Ganze ist eine
europäische Krankheit, wobei durch Verlagerung ins Säkulare die gesamte
Problematik verschoben wird. «Säkulare» sollte man allerdings in
Anführungszeichen setzen.
Sie weisen immer wieder darauf hin,
dass der kirchliche Antijudaismus aus dem Bedürfnis des Christentums nach
Abgrenzung vom Judentum zur Herausbildung einer eigenen Identität entstand.
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der
neutestamentliche Antijudaismus, die Feindbilder, sehr stark aus sozialen
und ideologischen Konflikten stammen. Hier war durchaus eine
Konfliktsituation vorhanden. Deshalb habe ich die Arbeiten von Heinemann zum
antiken Antisemitismus immer geschätzt, weil die zeigen, dass vor der
Tradierung der Stereotype immer soziale Konflikte standen. Das Unglück ist,
dass durch die Kanonisierung eben auch solche Konflikte, Abgrenzungen und
negativen Bilder mitkanonisiert wurden, obschon sich die Verhältnisse
zwischen Christen und Juden im Laufe der Zeit sozial völlig verändert haben.
Einerseits gab es in den späteren Jahrhunderten in den Kirchen keine Juden
mehr, und andererseits wurde die Stellung der Kirche zu einer Machtstellung.
Aus der verfolgten Kirche wurde eine verfolgende. Da erhielten die aus den
frühen Konflikten stammenden negativen Schablonen des Neuen Testamentes eine
ganz andere Qualität und eine ganz andere Funktion. Da scheint mir im Kern
auch ein Identitätsproblem des Christentums zu liegen.
Wenn Abgrenzung mittels negativer
Stereotype zur Definition einer eigenen Identität gebraucht wird, wie weit
kann dann Christentum in der Aufarbeitung des Antisemitismus eigentlich
gehen, ohne sich selbst in Frage zu stellen?
Man muss so weit gehen, wie es Gerechtigkeit
und Wahrheit gebietet. Der ethische Anspruch ist höher zu werten als das
Festhalten an theologischen Überzeugungen. Ich glaube, dass dies auch
durchaus in Übereinstimmung mit der urchristlichen Tradition steht. Insofern
habe ich da keine Probleme. Aber es ist natürlich wichtig, auch auf der
theologischen Ebene Geschichte und Realität des Christentums ernst zu
nehmen. Ich glaube, das ist insofern ein entscheidender Punkt, als man sich
klarmachen muss, dass der christliche Anspruch auch nicht eingelöst ist.
Daher muss man theologisch einen neuen Zugang finden, indem man sagt, es
gibt Träume und Vorstellungen von einer erlösten Welt. Es ist auch wichtig,
dass man solche hat. Sie sind Gegenwelt, von der aus man das, was in der
Realität nicht stimmt, als falsch feststellen kann. Aber es ist
entscheidend, dass man die Gegenwelt nicht mit Realität verwechselt.
Besteht aber nicht auch die Gefahr der
Vereinnahmung? Wie kann Christentum sich von antijudaistischen Traditionen
lösen?
Das eigentümliche der christlichen Tradition
ist ja, dass das Fundament ihres Selbst- und Weltverständnisses in der
jüdischen Überlieferung ruht. Wenn man sich von der jüdischen religiösen
Tradition trennen würde, dann bliebe eigentlich fast gar nichts mehr. Das
heisst, dass eine permanente Selbstreflexion des Christentums über das
Verhältnis zum Judentum eingebaut sein muss. Innerhalb der christlichen
Tradition ist deshalb immer eine hohe Ambivalenz vorhanden. Entweder man
vereinnahmt das Judentum, oder man versucht, es loszuwerden und sich vom
Judentum ganz loszusagen. Beides ist nicht möglich. Man muss dankbar sein
für die Überlieferung und sich damit auseinandersetzen, dass ein
wesentlicher Teil des christlichen Welt- und Selbstverständnisses sich dem
Judentum verdankt. Andererseits muss man aber auch deutlich sehen, dass hier
eine bestimmte Adoption dieser jüdischen Überlieferung vorhanden ist, die
ein eigenständiges Profil hat. Die einfache Formel, dass es Gemeinsamkeiten
gibt zwischen dem Christentum und dem Judentum und daneben jeder etwas
Besonderes hat, stimmt so nicht. Man muss deutlich sehen, dass sich hier
eine andere Auslegungstradition herausgebildet hat, die sicher auch ihre
jüdischen Wurzeln hat, aber doch eigenständig ist. Ich habe immer das Wort
geschätzt, dass die Thora siebzig Gesichter, d.h. Auslegungen, hat.
Religionen sind immer nur etwas Partikulares. Das Christentum ist in unserem
Jahrhundert vor die Aufgabe gestellt, seine eigene Partikularität und die
Platzansprüche anderer anzuerkennen, nicht nur in bezug auf das Judentum.
Das ist die Grundlage für jeglichen interreligiösen Dialog.
Damit tun sich aber viele sehr schwer.
Auch der christlich-jüdische Dialog geht oft nur bis zu einem gewissen Punkt
und um die Kernfragen wird ein grosser Bogen gemacht.
Das Problem sehr vieler Menschen besteht darin,
dass sie nicht anerkennen können, dass andere die eigene Identität nicht
übernehmen wollen. Pluralismus ist für sie schwierig. Für mich hingegen hat
Pluralismus dagegen aber etwas sehr Bereicherndes.
Welche Bedeutung hat der
christlich-jüdische Dialog in einer säkularisierten Welt?
Wir kommen alle nicht um die Tatsache herum,
dass wir in einer säkularen Welt leben. Als Theologe würde ich sagen, das
Säkulare ist nicht alles. Die Säkularisierung begreife ich auch als eine
hilfreiche Rahmenbedingung, durch die bestimmte ethische Massstäbe gesetzt
und Wege zur Kommunikation zwischen verschiedenen Identitäten garantiert
werden. Der Vorteil in einer säkularen Welt zu leben besteht darin, dass
keine absoluten «Letzt»-Ansprüche gegenüber anderen geltend gemacht werden
können. In der säkularen Welt gehört es zur Kultur, dass man sich seiner
relativen Identität bewusst ist.
Wie schätzen Sie das vatikanische
Dokument «Reflexionen zur Schoa» ein?
Zunächst würde ich sagen, dass es schon
bedauerlich ist, dass nach elf Jahren Arbeit bloss so etwas sehr Gemischtes
herausgekommen ist. Ich würde freilich sagen, dass man nicht nur das
Negative sehen sollte, sondern auch das Positive. Aber es ist eben doch auch
Kritik daran zu üben. Insbesondere finde ich unverständlich, dass nun die
Kirche als eine Grösse bezeichnet wird, die als solche nicht sündigen kann.
Ich halte das in der theologischen Tradition, in der ich mich bewege, für
merkwürdig. Ich finde, wer sich zur katholischen Kirche bekennt, muss sich
auch zu den Sünden dieser Kirche bekennen. Die Kirche besteht aus Menschen.
Es waren Christen, die nicht nur bei den Verbrechen weggesehen haben,
sondern diese auch unterstützt haben, bis hin zur Fluchthilfe für Nazis. Das
Schweigen oder das Versagen des Papstes Pius XII. ist auch etwas, wo ich
sagen muss, es gehört zur Würde der Schuldkultur, die wir aus der Bibel
haben, dass man die eigene Schuld und Verantwortung auch anerkennen sollte.
Was würden Sie sich für die Zukunft
wünschen?
Für die Zukunft würde ich mir natürlich
wünschen, dass die Arbeit, die ich tue, überflüssig wird. Aber ich bin
Realist und werde immer skeptischer. Ich sehe, dass wir eher in eine Phase
von unverfrorenem Antisemitismus hineingekommen sind, nicht nur in der
Schweiz, auch andernorts. Ich wünsche mir aber, dass die Möglichkeiten des
Dialogs, der Verständigung und des Vertrauens, die erreicht worden sind,
einigermassen Bestand halten.
Was meinen Sie mit unverfrorenem
Antisemitismus?
Ich beobachte in meinem Arbeitsgebiet eine
gewisse Stagnation in dem Bemühen der Aufarbeitung dieser schlimmen
Tradition. Ich sehe eigentlich immer weniger die Bereitschaft in der
Theologie, sich damit auseinanderzusetzen. Das macht mir schon Mühe. Es ist
heute schon schwierig, für wissenschaftliche Veranstaltungen aus bestimmten
Fächern, Leute zu finden, von denen man annehmen darf, dass sie darin
übereinstimmen, dass Antisemitismus und antijüdische Traditionen kritisiert
werden müssen. Vielleicht ist es aber bloss Gleichgültigkeit. Vor zwanzig
Jahren hat es das so nicht gegeben, dass man so indifferent ist gegenüber
dieser für die Christen selber so wichtigen Aufgabe.
Sie setzen sich auch sehr für die
Verankerung judaistischer Studien an der Universität ein.
Es ist die Pflicht einer Universität, sich mit
den jüdischen Traditionen und der jüdischen Kultur breit
auseinanderzusetzen. Zur Kultur Europas gehört zentral auch die jüdische.
Das hat nun in Basel sehr erfreuliche Perspektiven. Die Offenheit an der
Universität ist wirklich gross. Ich hoffe aber darüber hinaus, dass nicht
nur ein Institut für jüdische Studien entstehen wird, sondern dass wir auch
im Bereich der Erwachsenenbildung auch in der allgemeinen Öffentlichkeit
tätig werden können. Aufklärung bleibt das einzige Mittel gegen eine
verzerrte Wahrnehmung des Judentums. Antisemiten wird man keine bekehren
können, aber man kann andere davor bewahren, in antisemitische Fallen
hineinzulaufen.
