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Purim
aus:
Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom
Im sechsten Jahrhundert v. Chr. fällt Judäa an Nebukadnezar. Der
Tempel wird zerstört, und alle Juden werden in die Gefangenschaft
nach Babylon geführt. Fünf Jahrzehnte später wird Babylon
wiederum von den Persern erobert. Kyrus der Große erlaubt den jüdischen
Gefangenen, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder
aufzubauen. Aber Persien ist tolerant, und die Juden sind
wohlhabend und assimiliert. Also bleiben sie in Babylonien und
schicken Geld für den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem.
Kann sich jemand eine jüdische Königin in der Diaspora
vorstellen? Das konnte nur in Susa geschehen, der Hauptstadt von
Persien, als König Ahasverus sich in die schöne Esther verliebte
und sie heiratete.
Ohne sich nach ihrem Herkommen zu erkundigen.
Persien ist reich und liberal, und Mordechai, Esthers Onkel, ist
ein treuer Beamter des Königs. Aber er ist auch vorsichtig. Er rät
Esther, ihre wahre Identität zu verbergen und über die
Familienbande Schweigen zu bewahren.
Falls sich der Wind dreht. Falls Schwierigkeiten an die Tür der
Geschichte klopfen.
Sein Name ist Haman. Er ist das personifizierte Böse und gerade
zum Großwesir ernannt worden. Mordechai ist nicht bereit, sich
vor ihm zu verbeugen. Haman ist beleidigt. Mordechai ist nicht nur
ein Verräter, flüstert Haman dem König ins Ohr, alle Juden sind
eine Gefahr für das persische Reich. Eine verrückte Behauptung,
aber Ahasverus hört zu. Nicht nur Mordechai sollte gehängt,
sondern alle Juden müssen vernichtet werden. Der Vorschlag eines
Fanatikers, aber der König stimmt zu.
Mordechai drängt Esther, sich für ihr Volk einzusetzen. Sie zögert.
Die Königin hat sich nicht in die Angelegenheiten des Königs
einzumischen. Mordechai gibt nicht nach, die Gefahr ist äußerst
drohend. Esther verzweifelt. Der König läßt jeden hinrichten,
der unaufgefordert seinen Thronsaal betritt. Mordechai erinnert
sie daran, daß ihr Schicksal mit dem ihres Volkes verbunden ist.
Haman lost den richtigen Tag für die Ausrottung der Juden aus.
Esther wendet sich an den König. Mordechai fastet und betet.
Esther nutzt ihre Schönheit, um des Königs Augen zu öffnen.
Haman ist derjenig der am nächsten Morgen gehängt wird, nicht
Mordechai. Esther hat ihr Leben eingesetzt und ihr Volk vor der
Vernichtung bewahrt.
Und deshalb nennen wir das Fest Purim, was Losen bedeute erklärt
Ustad Heskel, so wie er es jedes Jahr tut, nachdem er die
Geschichte von der wunderschönen Esther, dem frommen Mordechai
und dem bösen Haman erzählt hat, als wären sie Figuren aus dem
Kasperletheater.
- Das Buch Esther zeigt die Verwundbarkeit der Juden in der
Diaspora. Egal, wie sicher ihre Lage zu sein scheint, sie ...
Und wie jedes Jahr übertönt die Schulglocke die Moral von Purim,
zwanzig Sekunden lang durchdringendes Klingeln, das fünfundzwanzig
Klassen von der Tyrannei des Unterrichts befreit. Keine Autorität,
nicht mal eine biblische, kann die Kinder nach de Klingeln noch bändigen.
Die kleinen Wilden bewerfen sich mit Kreide und Dattelkernen und
brüllen aus vollem Hals. Ustad Heskel streicht sich den weißen,
drei Wochen alten Bart, der ihn wie einen ständig trauernden
Juden aussehen läßt. Nur durch die abrupte Wildheit der Kinder
merkt er, daß seine Zeit um ist. Er ist in letzter Zeit fast taub
geworden und hört nicht mal die Schulglocke. Ein hebräisches
Gebetbuch fällt zu Boden. Er will losschimpfen aber der Schüler
hebt das Buch auf, küßt es und steckt es in seinen Ranzen.
Ustad Heskel setzt seine sidarah auf, die Kopfbedeckung, die
heutzutage nur noch ältere Juden tragen. Das Klassenzimmer ist
bereits leer. Er lächelt. An Purim soll es fröhlich zugehen. Das
Fest der Mjellah gehört schließlich den Kindern. Zwei Tage lang
dürfen sie das tun, was Esther tat um hohe Einsätze spielen.
Sein Kopf wackelt. Er kann seine Halsmuskeln nicht mehr richtig
kontrollieren, aber er geht immer noch aufrecht, ein alter ustad,
wie die Kinder ihn nennen, der älteste aller Lehrer, Vater des
Jahrhunderts.
Als das Jahrhundert geboren wurde, erzählt man, hat ustad Heskel
seinen Vater, den Rabbi, gebeten, ihn nicht auf die Jeschiwa zu
schicken, sondern auf die Oberschule, wie die anderen Jungen aus
der Nachbarschaft. Der Wunsch des Jungen hat den Vater geschmerzt.
Doch wie konnte der Junge nur in jeder Glühbirne einen kleinen
Messias sehen und das Herz seines Vaters nicht brechen?
Als das Jahrhundert acht Jahre alt war, macht ustad Heskel seinen
Oberschulabschluß. Im Oktober desselben Jahres erklärten die
Jungtürken alle Untertanen des osmanischen Reiches, Moslems und
Andersgläubige, zu gleichberechtigten Bürgern, die gleich zu
behandeln seien.
Waren die Osmanen wirklich bereit, das islamische Recht der
dhimmis der geschützten, gesellschaftlich niedriger stehenden
religiösen Minderheiten gegen solche Begriffe wie Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit auszutauschen? Ustad Heskel hatte
allen Grund, das zu fragen.
Seine Begegnung mit der Gleichheit begann mit einem Nachteil, der
Einberufung zum Militär. Mitten im Ersten Weltkrieg wurde er in
eine Uniform gesteckt und ohne Ausbildung an die Kaukasusfront
geschickt. Seine Einheit war so schlecht gekleidet und versorgt,
daß sie kaum eine Chance hatte, den Winter im Kaukasus zu überleben.
Er desertierte bei der ersten Gelegenheit, floh vor den Kanonen
der Russen und den Gewehren seiner eigenen osmanischen Offiziere.
In einem Dorf tauschte er seine Uniform gegen Nahrungsmittel und
einen abgetragenen Mantel ein. Das half ihm, sich als armenischer
Flüchtling auszugeben, wenn er einem russischen Regiment
begegnete, und als Kurde, wenn sich die Soldaten als Türken
herausstellten. Sie glaubten ihm zwar nicht, fanden ihn aber zu
unbedeutend, um eine Kugel an ihn zu verschwenden. Also ließen
sie ihn frei, und er wanderte zerschlagen, hungrig und verloren
durch die Berge Persiens. Zum Glück wurde er von einem Jeep
englischer Missionare angefahren, denen der Unfall so leid tat, daß
sie ihm anboten, ihn nach Kurdistan mitzunehmen. Von da aus ging
er zu Fuß nach Bagdad und kam im Februar 1917 dort an.
Seine eigene Mutter erkannte ihn nicht. Sie reichte dem stinkenden
Derwisch, dem Bettler, durch die Gitterstäbe des Tores Brot und
eine Flasche Wasser und sagte, er solle verschwinden.
Einen Monat später marschierte General Maude an der Spitze der
britischen Armee in Bagdad ein.
Die Osmanen sprengten das Talismantor und zogen sich zurück.
Maude betrat eine Wüstenstadt, ohne Paläste und Vergnügungsparks
und Obstgärten und Pavillons und Harems zur Unterhaltung der
tausend und einen Soldaten. Man sagt, nach der Invasion der
Mongolen im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert sei von der
ursprünglichen abbasidischen Hauptstadt nichts erhalten
geblieben. Ein jämmerlicher Phönix stieg aus der Asche, belastet
mit einem legendären Namen, dem er nie gerecht werden konnte.
Die Stadt, die Maude betrat, war ein Flickenteppich von
Stadtteilen mit religiös und ethnisch unterschiedlicher Bevölkerung
- Sunniten, Schiiten, Juden, Kurden, Armeniern, Persern, Türken -
an beiden Ufern des Tigris verstreut. Jedes Viertel besaß seine
Souks, Hammams, Khans und Gebetshäuser. Jedes war ein Labyrinth
aus krummen Gassen, die sich zwischen überfüllten Häusern
hindurchschlängelten und unter den überhängenden Balkons
Schatten suchten. Dann gab es natürlich die Zitadelle, die
Pontonbrücke, Krankenhäuser, Privatschulen, ein Telegrafenamt
und den unfertigen Bahnhof, dessen Schienen einst nach Berlin führen
sollten.
Als die Flutdeiche gebaut waren, dehnte sich Bagdad unter der
britischen Kolonialverwaltung bald aus. Britische Architekten, die
mit Winkelmaß und Lineal arbeiteten, legten neue Straßen an,
breit und gerade, parallel zum Fluß und zueinander. Die Straßen
wurden im rechten Winkel von Seitenstraßen gekreuzt, ebenfalls
gerade und breit genug für arabanas, von Pferden gezogenen
Kutschen. Die Runde Stadt wuchs nach Norden und Süden, zwei
Pontonbrücken wurden hinzugefügt. Die geraden Linien veränderten
in der Stadt das Gefühl für Entfernungen und die vierrädrigen
Fahrzeuge das Zeitgefühl. Die Hauptstraße, Khalil Pascha, wurde
begradigt und gepflastert. Arkaden und schattige Bürgersteige
wurden zu beiden Seiten angelegt. Sie wurde in »Neue Straße«
umbenannt und entwickelte sich zu Bagdads moderner Geschäftsstraße,
auf der die Stadt ins zwanzigste Jahrhundert galoppierte. Die
Wohlhabenden und Gebildeten zogen ihre Keffiyehs aus, ihre
dischdaschas und zbouns und schlüpften in weiße Hemden,
Krawatten und Anzüge. Sie hielten Zigaretten in der einen Hand,
ließen durch die andere die Gebetsperlen gleiten, feierten die
Effendis, die sie waren eitle Gentlemen des Orients.
Sein oder nicht sein ... Wie vertraut, auch auf arabisch, muß
diese Frage für Maudes irische Ohren geklungen haben, als der
General in einer der jüdischen Schulen Bagdads als Ehrengast an
einer Aufführung von »Hamlet« teilnahm. Leider bekam General
Maude zwei Tage später die Cholera und starb.
Was die jüdische Gemeinde betraf, die ein Viertel der Bevölkerung
Bagdads ausmachte, so wurde sie durch die britische Besetzung
wiederbelebt. Britische Gesetze waren so gradlinig wie die Straßen,
die sie anlegten, und wurden, im Gegensatz zu den osmanischen,
buchstabengetreu angewandt. Die Briten besteuerten unparteiisch
und waren ungeschult in der Kunst der Bestechung. Die
Vorhersehbarkeit ihrer Herrschaft schützte das Leben und den
persönlichen Besitz. Die Geschäfte blühten nach dem Krieg. Für
die Gebildeten, egal welcher Religionszugehörigkeit, eröffneten
sich auf jedem Gebiet Möglichkeiten. Die schöne neue Welt
klopfte an ihre Tür, und sie dachten nicht daran, sie
fortzuschicken.
Ustad Heskel heiratete und eröffnete seine eigene
Import-Export-Firma. Von seinem Bürofenster an der Neuen Straße
aus sollte er jahrzehntelang den Finger am Puls der Stadt haben.
1921 wurde sein erster Sohn geboren. Er nannte ihn Faisal, nach
dem ersten König des Irak, gekrönt im Sommer desselben Jahres.
Kurz nachdem die Briten den König auf den Thron gesetzt hatten,
gaben die Juden von Bagdad ihm zu Ehren einen Empfang in der großen
Synagoge. König Faisal I., Sohn von Hussein, dem Scharif von
Mekka, erstaunte seine Gastgeber und all die anderen bedeutenden Gäste,
als er die Thorarolle küßte und den Hacham Baschi, den obersten
Rabbiner der Gemeinde, umarmte. Dann hielt er jene unvergeßliche
Rede, in der er den Beitrag der Juden zur Entwicklung des modernen
Irak hervorhob und betonte, beide, sowohl Araber wie auch Juden,
seien Semiten, verwandt durch ihren biblischen Vorvater Sehern.
Die ganze Gemeinde nahm die Worte des Königs begeistert auf, und
sein liberaler Geist brachte eine Generation patriotischer
arabischer Juden hervor. Arabische Juden, was für ein Paradox,
von patriotischen ganz zu schweigen. Es würde für die Kinder der
Sechziger schon schwer genug sein, sich ein irakisches Parlament
vorzustellen, aber noch dazu eines mit Sitzen für Juden! Sie würden
sich genausowenig vorstellen können, daß jüdische Dichter in
den zwanziger und dreißiger und sogar noch in den vierziger
Jahren Gedichte in Arabisch, ihrer Muttersprache, geschrieben
hatten und daß jüdische Journalisten ihr neues Königreich, ihr
watan, ihr Heimatland, ihre Heimaterde mitgestalten wollten. Watan,
was ist das? würden jüdische Kinder fragen, die ein halbes
Jahrhundert später geboren wurden. Wie konnte man von Erde, dem
nackten Staub unter den Füßen, verblendet werden?
Pferde trabten durch die gepflasterten Straßen.
Strom- und Telegrafenmasten, so hoch wie Palmen, wurden
aufgestellt, an denen Kabel hingen, wie der Beginn eines
Fadenspannspiels. Straßenlaternen brannten die ganze Nacht,
machten das Sternenlicht überflüssig, und, viel später,
romantisch. Abwasserkanäle wurden unter den Straßen gegraben,
die Häuser wurden numeriert, eine neue Währung wurde eingeführt,
und Briefmarken wurden gedruckt. Aus dem Chaos wurde allmählich
Ordnung.
1932 beendeten die Briten ihr fünfzehn Jahre währendes
Mandat. Der Irak war der erste arabische Staat, der seine Unabhängigkeit
bekam und in den Völkerbund aufgenommen wurde. Von seinem Bürofenster
an der Neuen Straße aus sah ustad Heskel die letzten britischen
Truppen abmarschieren.
Bitte, geht nicht ... bitte laßt uns mit den Arabern nicht
allein, rief eine Stimme ihnen nach.
Sie kam aus dem hinteren Teil seines Büros. Ustad Heskel drehte
sich um, aber er war allein im Raum. Das vor kurzem installierte
Telefon klingelte.
Überall in der Hauptstadt entstanden Grünflächen. In den neuen
Wohnvierteln wurden öffentliche Parks angelegt. Ummauerte Gärten
umgaben die neuen Häuser, ersetzten den Innenhof, das Herz des
orientalischen Hauses. An Straßenkreuzungen wurden runde Rasenflächen
angelegt, Blumen und Büsche wuchsen auf dem Mittelstreifen der
Avenuen, Eukalyptusbäume säumten die Bürgersteige. Aber die Wüstenstadt
verwandelte sich weder in eine Oase, noch brachte das Grün Halbtöne
in die Ansichten der Bagdadis oder kühlte ihr Temperament ab.
Die modernen Viertel, die sich an gesellschaftlichen Schichten
orientierten, brachen die jahrhundertealten religiösen und
ethnischen Trennungen auf. Wie Hunderte anderer jüdischer
Familien, zog ustad Heskel mit seiner Frau und den sechs Kindern
aus dem Süden in ein Viertel des gemischten Mittelstands.
1933 starb König Faisal, und sein Sohn Ghazi folgte ihm auf den
Thron. Die Prozession des jungen Königs führte an ustad Heskels
Büro an der Neuen Straße vorbei, die bald darauf in Raschid-Straße
umbenannt wurde.
Aber kaum war die Stadt wieder ihren Besitzern übergeben worden,
da zogen bewaffnete Stammesangehörige vom mittleren Euphrat durch
die Straßen, protestierten gegen die nationale Wehrpflicht und
die Landreform. Die Armee wurde ins ganze Land entsandt, um den
Aufstand zu unterdrücken und die Stämme der Autorität des
Staates zu unterwerfen. Bei ihrer Rückkehr marschierten die
siegreichen Soldaten durch die Straßen der Hauptstadt. Blumen und
Rosenwasser regneten von den Dächern auf die hübschen Jungs in
Uniform herab. Auch Politiker wandten sich ans Militär, wenn im
Kabinett Streit zu schlichten war. Oft flogen Militärflugzeuge dröhnend
über die Stadt. Ein Putsch wurde verkündet, der Fall einer
Regierung, ein neuer Führer. In der zweiten Hälfte der dreißiger
Jahre kam es fünfmal zum Putsch. Jeder wurde im Radio begrüßt.
Aufgrund der angezweifelten offiziellen Berichte entstanden Gerüchte.
Die Leute verachteten ihre Politiker, machten sich über ihre
Reden lustig, tratschten über Palastintrigen und schoben alle
Schuld auf die Engländer. Dann klapperten die Würfel, Kaffee
wurde getrunken, und die Radiomusik dröhnte wieder los. Man sagt,
Bagdadis tanzen zu jeder Melodie, die man ihnen vorspielt.
Aber am leidenschaftlichsten tanzten sie zu den Hymnen des
Nationalismus und nahmen sich ein Beispiel an den Nazis. Hatte der
Führer das deutsche Volk nicht vereint und es vor der nationalen
Schande gerettet? »Mein Kampf« erschien auf arabisch, als
Fortsetzung in einer Lokalzeitung. Kinderwagen mit Jungen, die
nach Hitler, Himmler und Rommel benannt waren, wurden immer häufiger.
Beim Barbier, während das Rasiermesser über die glatte Fläche
seines eingeschäumten Gesichtes glitt, merkte ustad Heskel plötzlich,
auf welchen Sender das Radio eingestellt war. Schneller, als jede
Eisenbahn hätte sein können, übertrug Berlin Sendungen auf
arabisch direkt nach Bagdad. Demonstrationen gegen die Briten
nahmen zu, gegen ihre Palästinapolitik und gegen den Zionismus. Führende
Köpfe der jüdischen Gemeinde unterschieden öffentlich zwischen
Judentum und Zionismus und distanzierten sich und ihre Gemeinde
von letzterem. Ohne Erfolg. Angriffe gegen Juden auf der Straße hörten
nicht auf.
Traue nie einem Moslem, nicht einmal im Grab, sagt ein jüdisches
Sprichwort.
War es ein Fehler gewesen, aus dem jüdischen Viertel auszuziehen?
Fiel er in dem gemischten Viertel auf? Eine Furcht, älter als er
selbst, wuchs in ustad Heskels Herz. Seit Jahrhunderten war es
Juden verboten, eine Waffe zu tragen und sich gegen einen Moslem
zu wehren, sogar mit der bloßen Hand. Kein Wunder, daß das Bild
des Juden in der moslemischen Welt das eines Schwächlings war,
eines verachtenswerten Feiglings. Aber wo konnte er das Kämpfen
lernen? Im Krieg hatte ustad Heskel nur fliehen gelernt.
Vielleicht war er tatsächlich ein Feigling. Wer würde seine
Familie verteidigen, wenn es nötig werden sollte? Die britische
Armee war zu weit weg, und obwohl er sich immer noch nach den jüdischen
Gebräuchen richtete, war ihm die Sprache Gottes schon lange
abhanden gekommen.
Im Frühjahr 1941 verkündete Radio Bagdad den sechsten Putsch.
Das neue Kabinett bestand hauptsächlich aus Nazianhängern.
Italien und Deutschland unterstützten die neue Regierung.
Konflikte mit England eskalierten zu bewaffneten
Auseinandersetzungen. Irakische und britische Flugzeuge lieferten
sich Luftschlachten über der Hauptstadt. Einen Monat später,
als nur noch britische Flugzeuge den Himmel beherrschten, stürzte
die irakische Regierung.
Während der zwei gesetzlosen Tage, die darauf folgten, brach ein
Pogrom gegen die Juden los.
Plünderung, Vergewaltigung, Verwüstung und Mord sind die
universelle Sprache der Pogrome. Wegen ihres dürftigen Vokabulars
beschränkt sie sich nicht auf Uniformen, Alter oder Geschlecht.
Die jüdischen Viertel von Bagdad wurden von irakischen Soldaten,
von Stammesangehörigen und Städtern, von wütenden Männern,
Frauen und Kindern angegriffen. Innerhalb von zwei Tagen hatten
sie Hunderte von Juden ermordet und Tausende verwundet.
Ustad Heskel und seiner Familie geschah nichts. In ihrem
gemischten Viertel war es nicht zu Feindseligkeiten gekommen. Im
Gegenteil, moslemische Familien hatten ihnen Zuflucht angeboten.
Und die britische Armee war schließlich doch nicht so weit weg
gewesen, wie sich herausstellte. Sie stand vor den Außenbezirken
der Stadt und hatte Befehl, sich nicht einzumischen.
Auch ustad Heskel begriff schließlich, daß die Briten keinen
Finger rühren würden, wenn es nicht in ihrem eigenen Interesse
war. Aber daß die Straßen durch die Anwesenheit britischer
Truppen sicherer waren, diese Tatsache konnte niemand leugnen.
Und auf den Straßen blieb es sicher bis zum Ende des Krieges,
solange die Truppen der Alliierten in Bagdad stationiert waren,
auf ihrem Weg von und nach Nordafrika.
Während also Europäer für Nahrungsmittel und europäische Juden
vor den Gaskammern Schlange standen, blühten die Geschäfte in
Bagdad, und ustad Heskel machte, wie viele tausend andere
Kaufleute, ein Vermögen.
In der Zwischenzeit waren seine Kinder herangewachsen, hatten
eigene Vorstellungen, die tief geprägt waren von der farhud, dem
Pogrom. Wenn es ein paar Tage länger gedauert hätte, wären auch
die gemischten Viertel nicht verschont geblieben, das wußten sie.
Sie warfen ihrem Vater vor, Pogrome als einen unvermeidlichen Teil
des Lebens hinzunehmen. Sie behaupteten, er habe die Seele eines
dhimmi, der unsichtbar wurde, sobald ein Moslem Schaum vor dem
Mund bekam. Je harscher sie ihn kritisierten, desto weltkluger
fanden sie sich. Als Junge hatte er seinem Vater das Herz
gebrochen, weil er sein Leben nicht dem Thorastudium widmen
wollte. Aber hatte er den alten Mann in völlige Verzweiflung gestürzt,
nur um sich frei zu fühlen und seinen eigenen Weg gehen zu können?
Ustad Heskel konnte sich nicht erinnern.
Die Hälfte seiner Kinder schloß sich der Tnuah an, der
zionistischen Untergrundbewegung, wo sie schießen lernten, um
die Gemeinde, wenn nötig, zu verteidigen, und außerdem modernes
Hebräisch - als Vorbereitung auf Eretz Israel. Die andere Hälfte
identifizierte sich mit den unterdrückten Massen im Irak und
fand ihre Antwort im Kommunismus. Zwei Ideologien unter einem
Dach, zwei Revolutionen am Eßtisch welche Zusammenstöße
ustad Heskel ertragen mußte. Wie uneinsichtig und selbstgerecht
sie klangen, selbst die Mädchen er konnte für keinen Partei
ergreifen. Sich in die Politik einzumischen würde zur Katastrophe
führen, nicht nur für sie selbst, sondern für die ganze
Gemeinde.
Seine Worte wurden genausowenig beachtet wie das
Gebrabbel der Radiosender, wenn man auf der Suche nach den
neuesten Nachrichten war.
Ohne vorher krank gewesen zu sein, starb eines Nachts seine Frau
und ließ ustad Heskel mit einem halben Dutzend Kinder zurück,
die ihm jeden Tag fremder wurden. Die Einsamkeit lernte er allmählich
zu ertragen, aber sein Leben hatte keinen Sinn mehr. Warum hatte
er Gott den Rücken gekehrt, fragte er sich immer wieder.
1948 wurde der Staat Israel gegründet. Mullahs riefen in den
Moscheen von Bagdad zum Jihad auf, Studenten streikten, und die
Demonstranten drängten die Regierung, zu den Waffen zu greifen.
Der Irak folgte der Entscheidung der Arabischen Liga und schickte
seine reguläre Armee an die Front.
Im ganzen Land wurde das Kriegsrecht ausgerufen. Tausende von
Kommunisten, Zionisten und Juden wurden verhaftet und in ein
besonderes Lager in der südlichen Wüste gebracht. Shafik Adas,
ein wohlhabender Geschäftsmann, der mit einem Minister zu Mittag
speiste und mit dem Regenten dinierte, der reichste Jude des Irak,
wie es hieß, wurde gleichzeitig wegen Kommunismus und Zionismus
angeklagt. Obwohl das Militärgericht keine Beweise für seinen
Waffenhandel mit den Zionisten in Palästina vorlegen konnte,
wurde Adas zum Tode verurteilt. Er wurde vor seiner Villa in Basra
öffentlich erhängt. Eine große Menschenmenge versammelte sich,
um das Schauspiel mitzuerleben, und ihre Jubelschreie brachten den
Henker dazu, Adas noch mal aufzuhängen. Am nächsten Tag waren
die Titelseiten der irakischen Zeitungen voll mit Nahaufnahmen des
Gehängten. Sein Genick war gebrochen, seine Leiche baumelte über
einer Pfütze seiner Exkremente. Er wurde die Schlange, der Verräter,
der Spion, der Zionist, der Jude genannt, und das
Verteidigungsministerium beschlagnahmte sein Millionenvermögen.
Aber der Fall Adas brachte keinen arabischen Émile Zola hervor.
Und die Verhaftungen hörten nicht auf. Alle Regierungsstellen
entließen ihre jüdischen Beamten und Angestellten. Das
Handelsministerium verlängerte die Konzessionen jüdischer
Kaufleute nicht mehr. Das Verteidigungsministerium verbot jüdischen
Bankiers alle Transaktionen mit ausländischen Banken. Das
Gesundheitsministerium gab jungen jüdischen Ärzten keine
Zulassungen. Das Erziehungsministerium reduzierte die Quote jüdischer
Studenten. In der offiziellen Sprache wurden Zionist und Jude zum
Synonym. Auf der Straße nahmen die Feindseligkeiten gegen Juden
zu. Eine Synagoge wurde von Demonstranten geschändet.
Nurial-Said, der Ministerpräsident, bezeichnete die Juden der
arabischen Welt als Geiseln. Die illegale Auswanderung junger
Juden, die keine Geiseln arabischer Launen sein wollten, nahm zu.
Und ustad Heskel mußte damit fertig werden, einen Sohn im Gefängnis
zu haben und zwei minderjährige Töchter jenseits der Grenze;
gleichzeitig lief seine Geschäftskonzession aus.
Weil sie die illegale Auswanderung nicht kontrollieren konnte,
erließ die Regierung 1950 schließlich ein taskit, ein
Denaturalisierungsgesetz. Es erlaubte den Juden, nach Israel
auszuwandern, vorausgesetzt, sie gaben ihre irakische Staatsbürgerschaft
auf.
In den ersten Wochen wagte kaum jemand, das Angebot ernstzunehmen.
Die Spannungen würden sich bald legen, sagten sie, und das Leben
in Bagdad würde wieder seinen normalen Gang gehen. Wer, von ein
paar unbesonnenen Jugendlichen abgesehen, war denn überhaupt zur
Auswanderung bereit? Konnten aus Kaufleuten der Mittelschicht
wirklich Bauern werden? Wer war schon wild darauf, daß seine Söhne
zum Militär eingezogen wurden, und wer konnte sagen, ob der neue
Staat das nächste Jahr überleben würde?
Sie waren die babylonischen Juden, das vergaßen sie nicht. Sie
waren das Erste Exil, das Gott in das Heimatland Abrahams zurückgeschickt
hatte. Sie hatten die letzten zweitausendfünfhundert Jahre in
Mesopotamien gelebt, einhundert Generationen lang, tausend Jahre,
bevor es den Arabern eingefallen war, ins Land einzudringen. Hier
hatten sie die erste Synagoge errichtet. In den Akademien auf der
anderen Flußseite war der Talmud zusammengestellt worden. Waren
diese Beiträge nichts wert? Verlangte ihre Geschichte von ihnen
nicht Kontinuität?
Konnte es sein, daß alle Freunde von ustad Heskel Eretz Israel
gleichgültig gegenüberstanden? Israel, wiederholte er, was für
ein sonorer Klang! Es hatte sich hartnäckig über die
Jahrhunderte gehalten, ein heiliges Versprechen war nun greifbare
Realität. Ein Stück Land und eine Flagge, ein im Wind
flatterndes Stück Stoff, verteidigt von einer Reihe Panzer.
Dort schlössen am Samstag alle Geschäfte ohne Ausnahme, hieß
es, weil der Samstag der offizielle Ruhetag ist. Dort schrieben
die Hausfrauen ihre Einkaufslisten in der heiligen Sprache. Dort würde
er Formulare ausfüllen, Schecks unterschreiben, ein Taxi rufen,
sich die Haare schneiden lassen, Zeitung lesen, Pferdewetten
abschließen, etwas zu trinken bestellen ... alles auf hebräisch.
Und jeder Satz würde wie ein Gebet klingen.
Er konnte nicht anders, Israel machte ihn sentimental.
Es hieß, daß dort selbst die Polizisten Juden waren. Nein, er wäre
nicht mit Tolerierung zufrieden, in einem jüdischen Staat würde
er dazugehören, wäre ein rechtmäßiger Bürger. Seine Rechte würden
ihm nicht als Gunst zugestanden, sie wären selbstverständlich.
Er wäre niemandes Jude mehr. Nach zweitausendfünfhundert Jahren
wurde ustad Heskel die Möglichkeit geboten, sich ein für allemal
von der Furcht zu trennen.
Ist Heimat nur der Ort, wo man sicher schlafen kann?
Die unbesonnenen Jugendlichen bewarben sich voller Begeisterung.
Sie nahmen ihre Freunde mit, die ihre Geschwister mitschleppten,
ihre Eltern erpreßten, ihre Verwandten überzeugten, der Großmutter
keine Chance ließen, ihre Nachbarn mit ihrer Entschlossenheit
schockierten. Die Kettenreaktion überstieg alle Erwartungen. Und
dann explodierte eine Bombe in einem von Juden besuchten Cafe, später
eine in einer Synagoge, eine Warnung an die andere Hälfte der
Gemeinde, die sich noch nicht entschließen konnte, wegzugehen.
Es ging das Gerücht, die zionistische Untergrundbewegung habe bei
den Bombenanschlägen die Hand im Spiel gehabt. Die Zionisten
schoben ihrerseits den arabischen Nationalisten die Schuld zu.
Aber ob nun von Juden oder Arabern gebastelt, die Bomben waren ein
Wendepunkt in der Einstellung zur Emigration. Von dem Tag an wurde
die Abreise selbstverständlich, das Bleiben dagegen wurde zur
Entscheidung und erforderte eine Reihe von Rechtfertigungen.
Innerhalb eines Jahres gaben über 100 000 Juden ihren irakischen
Personalausweis ab und bereiteten sich auf den Umzug vor oder den
Exodus, wie sie es lieber nannten. Unter ihnen waren auch ustad
Heskels Kinder, Zionisten und Kommunisten, manche eifrig, andere
zögernd. Seine alten Eltern packten ebenfalls ihre Sachen,
besessen von der Idee, im Heiligen Land begraben zu werden. Als
ob die Würmer auch heilig geworden wären.
Ustad Heskel sah sich gefangen zwischen der Frömmigkeit seiner
Eltern und dem Pioniergeist der Jugend. Er fühlte sich weder alt
genug, um seinen Tod zu feiern, noch jung genug, um auf die
Versprechungen der Zukunft zu vertrauen. Sorgsam studierte er die
Briefe seiner Töchter aus Israel, bis er zu einer eigenen
Entscheidung kam. Seine Kinder mochten ja Pioniere sein er würde
im neuen Land nur als Flüchtling enden.
1951, an dem Tag, als der taskit auslief, erließ die irakische
Regierung ein neues Gesetz, das den Besitz aller Juden einfror,
die sich für die Emigration angemeldet hatten. Wer zuletzt lacht,
lacht am besten was mußte das Parlament für eine fröhliche
Sitzung gehabt haben. Die zionistischen Bastarde, die damit
prahlten, die Wüste zu begrünen und die Sümpfe trockenzulegen,
waren nun aufgefordert, ein weiteres Wunder zu vollbringen und den
Ansturm von 100 000 besitzlosen Neuankömmlingen zu überleben.
Ustad Heskel sah ein Flugzeug nach dem anderen starten, mit
seinen Kindern, seinen Eltern, seinen Verwandten, seinen
Freunden, seinen Geschäftspartnern, den Geschäftsrivalen, seinen
Kunden, seinem Arzt, seinem Rechtsanwalt, seinem Barbier, seinem
Fleischer, seinem Bäcker, seinem Bankier, seinem Bettler, seinem
Schneider, seinem Schuhmacher, seinem Hausmädchen, seiner Köchin,
seinem Lieblingsdichter und den Musikern, die er nun nie mehr auf
einem Fest würde spielen hören. Nur ein Jahr zuvor war jeder
sechste Bagdadi Jude gewesen. Jetzt flogen die Juden davon, jeder
mit 50 Dinar in der Tasche und einer losgerissenen Wurzel, die in
der Wüste wieder eingepflanzt werden mußte.
Schulen, Synagogen, Souks, Geschäfte, Banken, Clubs und ganze
Viertel leerten sich, eines nach dem anderen. Aber Bagdad
verschwendete keine Zeit damit, um die Juden zu trauern. Geschäfte
und Handel waren endlich für die Übernahme durch moslemische
Kaufleute bereit. Einige der leerstehenden Häuser wurden an palästinensische
Flüchtlinge verteilt. Der Rest, der eingefrorene Besitz an
Bargeld und Immobilien, fiel an den Staat. Ustad Heskel ging auf
und ab in seinem Haus, das vollgestopft war mit Bettwäsche,
Porzellanbergen, Bücherstapeln, Kleiderbündeln und was seine
Kinder sonst noch zurückgelassen hatten. Er entdeckte eine
Perlenkette in einem Korb, zwischen zwei Wollknäueln. Sein
Geschenk an seine älteste Tochter zum achtzehnten Geburtstag. Hätte
sie die nicht in ihrem Schuhabsatz verstecken können, so wie
Geldscheine hinausgeschmuggelt wurden! Er befingerte die Perlen,
als wäre es eine moslemische Gebetskette. Dabei fiel sein Blick
auf die Bibel, die er vor fünfzig Jahren beiseite gelegt hatte.
Als ustad Heskel zu lesen begann, erinnerte er sich. Und als er
sich erinnerte, fand er die historischen Wurzeln, die zwischen
den Seiten bewahrt worden waren wie die getrockneten Flügel toter
Schmetterlinge.
Er las monatelang, jahrelang vielleicht, bis er voller Gedanken
und Fragen war, die er mit Menschen seiner Art teilen wollte.
Ustad Heskel ging los und suchte nach den Überbleibseln jüdischen
Lebens in Bagdad.
Es gab nur noch ein paar tausend Juden, die in gemischten
Vierteln lebten. Ihre Verletzlichkeit als jüdische Minorität in
einem arabischen Land führte dazu, daß sie sich von der Politik
und jeder Art Ideologie fernhielten. Als Konsequenz, oder
vielleicht auch nur aus Faulheit, vernachlässigten sie alle überkommenen
Werte. Ihre jüdische Tradition war zu locker, um sie zu stützen,
ihr arabisches Erbe nur allzu bereit, sie im Stich zu lassen. Es
waren Menschen, die aus Ort und Zeit gefallen waren. Angesichts
der kulturellen Leere wandten sie sich der Modernität zu, ähnlich
wie ihre moslemischen und christlichen Landsleute. Und ähnlich
wie diese nutzten sie nur die Hülle.
Sie sagten sorry, merci, please, vraiment, mit starkem arabischen
Akzent. Manche gaben ihren Kindern europäische Namen: Linda,
Edward, Ramsey, Vera, distanzierten sie von Anfang an von ihrer
Umgebung und bereiteten sie so auf eine Zukunft im Ausland vor.
Sie widmeten ihr Leben der Arbeit, der Familie und dem Poker
ihrer wichtigsten Freizeitbeschäftigung, ihrer Sucht und einzigen
Kultur. Sie spielten in Clubs oder zu Hause, Männer wie Frauen
modern genug, sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu
sitzen. Fein angezogen saßen sie am Kartentisch, betonten ohne
Ende ihre aristokratische Herkunft, die bedeutenden Posten, die
ihre Väter in Bagdad vor dem taskit gehabt hatten, und wie
phantastisch sich ihre Kinder in der Schule machten. Zwischen den
Spielen flirteten sie miteinander und tratschten über die
Eheprobleme der Spieler an den anderen Tischen. Obwohl sie ihre
fetten Jahre voll genossen, war ihnen durchaus bewußt, was für
ein Fehler ihre Entscheidung für Bagdad gewesen war. Sie hatten
auf die falsche Karte gesetzt, gestanden sie einander hin und
wieder. Ihr Bluff war vom Schicksal, der Zeit oder einfach von der
Geschichte aufgedeckt worden sie konnten ihre Widersacher
nicht mal benennen. Und trotz der relativen Sicherheit, die sie
genossen, waren sie stets wachsam, warnten sich gegenseitig davor,
zu lange zu bleiben und ihren gesamten Einsatz zu verlieren.
Aber welcher Spieler verläßt rechtzeitig den Spieltisch?
Ustad Heskel fand ihr Leben zu oberflächlich, ihre Gesellschaft
unerträglich. Entschlossen, den Segen der Bibel mit anderen zu
teilen, wandte er sich an die jüdische Schule. Ja, sie würden
ihn gerne für ein paar Stunden pro Woche einstellen. Was, er
hatte vergessen, daß das Erziehungsministerium schon vor Jahren
den Religionsunterricht an jüdischen Schulen eingeschränkt
hatte? Nein, völlig unmöglich die Bibel auf hebräisch zu
lesen war verboten. Die Schüler lasen nur aus Gebetbüchern, ohne
Übersetzung oder Interpretation. Ja, Religion mußte sie zu Tode
langweilen.
Aber wenn er das Gebetbuch schloß und ihnen biblische
Geschichten erzählte, spitzten sie die Ohren, als sei er
unmittelbarer Zeuge von Samsons außerordentlicher Kraft, den
prophetischen Träumen Josefs, der Durchquerung des Roten Meeres,
dem Wunder des Lichts gewesen. Manchmal schweifte er ab, zu
Geschichten über berühmte Juden wie Einstein, der kurz vor
seinem Tod gesagt hatte, daß er an die Existenz Gottes glaubte.
Die Mischung aus Mitgefühl und Respekt, die er in ihren Augen
sah, verriet ihm, wie antiquiert er wirken mußte, wie alt er
geworden war. Die verwöhnten Gören. Trotzdem gefiel es ihm, daß
sie ihn so selbstverständlich ustad nannten, als sei er als
Lehrer geboren worden.
Obwohl Vater das Glücksspiel strikt ablehnt, macht er für Purim
eine Ausnahme. Wie jedes Jahr hat er uns von der Bank neue, glänzende
Münzen geholt, die wir an den beiden Festtagen verspielen dürfen.
Wie jedes Jahr baut er zwei Münzentürme auf seinem Schreibtisch
auf. Zwei Türme zu je zehn silbrigen Dirham. Nur ein Dinar? Ein
Dinar war letztes Jahr mein Purimgeschenk, aber jetzt bin ich zwölf
Jahre alt, und Vater hat mir eine Erhöhung versprochen. Hat er
das vergessen? Mit verstohlenen Blicken verfolge ich, wie er die
Hand in die Tasche steckt. Kleingeld! Er hat mir noch kein
Kleingeld gegeben. Ich fummele an den Dirhamtürmen herum, will
mir nichts anmerken lassen, während Vater ahnungslos tut, weitere
Rollen aufreißt und noch fünf schimmernde Türme mit welligen Rändern
aufbaut je zehn Münzen ä zehn Fils. Insgesamt anderthalb
Dinar!
Ich schlinge Vater die Arme um den Hals und drücke ihn so fest
ich kann, länger als letztes Jahr. Dann werfen wir die Münzen in
einen grünen Filzbeutel, den Mutter für mich genäht hat, extra
für Purim.
Selma veranstaltet dieses Jahr die Kartenspielparty, und sie redet
seit Wochen über nichts anderes. Als ihre Mutter mir die Tür öffnet,
rieche ich sambusak-Gebäck und höre das Klimpern eines
Geldspielautomaten. Pfiffe und Gelächter dringen aus dem Salon.
So viele Attraktionen, und alle auf einmal! Hastig ziehe ich meine
Jacke aus und schaue in das kleine Zimmer neben dem Eingang.
Selmas Vater fuhrt den einarmigen Banditen vor, den er für diesen
Anlaß gemietet hat. Fasziniert von den rotierenden Bildern,
starren die Kinder gebannt darauf, um den Moment nicht zu
verpassen, wenn die fünf Zitronen auftauchen oder die fünf
Kirschen oder die fünf Bananen.
Die Chance, vier oder fünf gleiche Bilder zu bekommen, ist äußerst
gering, hat mir Vater gestern erklärt. Aber die Kinder sagen,
seit einer Weile sind keine fünf gleichen mehr aufgetaucht und
werden jetzt bestimmt jeden Augenblick kommen. Vater hätte dem
sofort widersprochen, »weil die Maschine kein Gedächtnis hat«
und weil bei jeder Runde die Chance, fünf gleiche zu bekommen,
genauso gering ist wie vorher. Und ich sage, die fünf Kirschen
haben den ganzen Morgen auf mich gewartet.
Ich werfe meine ersten zehn Fils ein, drehe den Metallknopf, höre
die Münze fallen und setze die Maschine in Bewegung. Langsam
kommen die Bilder in den kleinen Fenstern zum Stillstand. Ananas
und Zitronen und Eistüten und Trauben tauchen auf, aber warum
alle zusammen, verdammt noch mal! In kürzester Zeit schluckt die
Maschine vier Münzen, fünf, sechs, spuckt zwei wieder aus, nur
um sie bei der nächsten Runde zurückzugewinnen. Allzu schnell
sind meine zehn Runden um, und ich habe wie viele Münzen
verloren? Die kurze Aufregung hat meinen Appetit nur noch größer
gemacht. Ich bettele um eine weitere Chance, will nur mein Geld
zurück, aber die Mädchen in der Schlange geben nicht nach.
Widerstrebend lasse ich den Hebel los und gehe hinüber in den
Salon.
Das geräumige Zimmer ist in eine Spielhölle verwandelt worden,
wie an Samstagabenden, nehme ich an, aber an diesem Morgen sind
die Spieler fein angezogene elf- und zwölfjährige Schulkinder.
Sie sitzen an kleinen rechteckigen Tischen überall im Raum
verteilt oder stehen an den beiden runden Tischen in der Mitte,
einer für Roulett, der andere für dossa, ein Kartenspiel. Ich
winke Selma zu, die am Roulettrad steht, aber sie ist zu sehr in
das Spiel vertieft und bemerkt mich nicht.
Vertrautes Gelächter lenkt meine Aufmerksamkeit auf vier Spieler
in einer Ecke. Dudi und ein paar andere spielen Lügenwürfel.
Obwohl Dudi nicht mehr in unsere Klasse geht, wird er nach wie vor
zu unseren Partys eingeladen. Ich gehe auf den Tisch zu. Dudi sagt
ein Full house an, verdeckt aber die Würfel mit den Händen und
macht ein aufrichtiges Gesicht. Dora schaut ihn durch ihre dicke
Brille mißtrauisch an. Ihre schmalen blauen Augen sind noch schmäler
geworden, wie zwei Würmer. Dudi errötet schließlich, beißt
sich auf die Lippe, als wolle er ein Lächeln unterdrücken. Doras
Gesicht erhellt sich. Lügner! schreit sie, wie ein Richter bei
einem Revolutionstribunal. Dudi nimmt langsam die Hände weg und
zeigt seine Würfel: drei Vieren und zwei Zweien.
Ich schnappe mir ein Käsesambusak vom Büfett am Fenster und
gehe zu Selma, um ihr zu der besten Purimparty zu gratulieren, die
ich seit Jahren gesehen habe.
- Genau wie in Las Vegas, nicht? fragt sie.
- Wie was?
Vergiß es, sagt sie und zeigt mir den Berg Münzen, der vor ihr
liegt. Sie behauptet, die Roulettkugel sei ihr den ganzen Morgen
von Rot zu Schwarz und umgekehrt gefolgt. Kaum hat sie das gesagt,
verliert sie ihren Einsatz auf Rot. Sie beharrt auf Rot und
verliert ein paar Runden lang. Sie läßt Rot sausen, setzt auf
Gerade und gewinnt. Sie gewinnt ein zweites Mal. Sie wechselt zu
Ungerade, verliert, wechselt zu Gerade und verliert wieder. Jetzt
ist es Selma, die hoffnungslos hinter der Kugel herjagt. Bald
verliert sie das bißchen Geduld, das sie besitzt, packt alle Münzen,
die vor ihr liegen, und setzt auf Rot. Das Minirad dreht sich. Rot
und Schwarz vermischen sich zu einem dunklen Ring. Die Kugel
wirbelt und klappert und vervielfacht sich, bis mir fast
schwindelig wird. Braun wird wieder zu schwarzen und roten
Abteilungen. Die Kugel wird langsamer, hüpft von Kästchen zu Kästchen
und fällt schließlich in ein rotes, zittert noch leicht, liegt
dann still. Selmas Einsatz wird verdoppelt. Sie will alles auf
Schwarz setzen. Nimm dein Geld und verlaß sofort den Roulettisch,
sonst verlierst du alles, rate ich ihr und ziehe sie am Arm. Der
letzte Rest gebackenen Käses ist auf meiner Zunge geschmolzen.
Ich habe Lust auf Kartenspielen, auf die bunten Augen und Bilder.
Selma sammelt ihre Münzen ein, rührt sich aber nicht von der
Stelle. Das Rad wird langsamer. Die Kugel hüpft in ein rotes Kästchen.
Selma steckt die Handvoll Münzen in ihren Beutel und folgt mir
zum Kartentisch. Erst da bemerke ich, daß Laila der Wolf die Bank
hält.
Ich habe einen Moment gebraucht, um sie zu erkennen. Laila hat
sich das Gesicht gepudert, die Augen mit braunem Kajalstift
umrandet und die Lippen radieschenrot geschminkt. Was macht sie
überhaupt auf Selmas Party? Die beiden kriegen sich wegen jeder
Kleinigkeit in die Haare und lassen keine Gelegenheit aus, sich
gegenseitig zu ärgern. Letzte Woche hatten sie Streit darüber,
wer Klassensprecherin werden soll. Sie müssen der Lehrerin soviel
voneinander erzählt haben, daß die am Ende beide bestraft hat.
Sie mußten hundertmal schreiben: »Wer anderen eine Grube gräbt,
fällt selbst hinein«.
Selma und ich quetschen uns zwischen die anderen Kinder und bauen
uns vor Laila auf, die die Karten auf dem Tisch zusammenschiebt.
Sie nimmt uns mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis, mischt
und beginnt auszuteilen. Die Karten werden verdeckt ausgelegt,
eine pro Spieler und eine für die Bank. Laila legt zwei Reihen zu
je fünf Karten in die Mitte des Tisches und zwei direkt vor
unsere Nase. Selma ignoriert den Wink, streckt die Hand aus und
setzt 10 Fils auf eine Karte in der Mitte. Ich mache dasselbe.
Nachdem sich jeder Spieler für eine Karte entschieden hat, zieht
Laila die übriggebliebene zu sich heran. Sie dreht sie um und
grinst.
Die Kreuz-Zehn. Die Spieler stöhnen und murren. Wenn die eigene
Karte niedriger als eine Zehn ist, muß man der Bank den doppelten
Einsatz zahlen. Die meisten Bankhalter erlauben den Spielern, ihre
Karten selbst umzudrehen. Laila ist da anders. Sie läßt
niemanden irgend etwas anrühren als wäre sie hier zu Hause.
Meine zwei glänzenden Münzen verschwinden in ihrem Berg von
einer Bank. Selmas Karte wird als letzte aufgedeckt. Das Kreuz-As,
das einzige As in der Runde, verdirbt Lailas Spaß.
Das As verdreifacht den Einsatz. Laila schnippt Selma drei Münzen
zu, als würde sie ihr einen Gefallen tun.
Wieso hast du die überhaupt eingeladen? flüstere ich Selma
ins Ohr.
Weil Mama gesagt hat, ich müßte. Nur weil sie immer mit
Lailas Mutter am selben Pokertisch spielt ...
Laila mischt die Karten, länger als zuvor. Wieder legt sie zwölf
Karten aus, zehn in der Mitte und zwei unter unsere Nasen. Wieder
ignorieren wir ihren Wink. Selma wählt die Karte, die dicht vor
Laila liegt, und zieht sie quer über den Tisch zu sich. Laila
wirft ihr einen so bösen Blick zu, daß ich verstehe, wieso
Gangster in Filmen Tische umwerfen und sich wegen eines
Kartenspiels gegenseitig erschießen. Laila dreht ihre Karte um.
Die Spieler bejubeln ihre Karo-Sieben. Sie zahlt einem nach dem
anderen die Gewinne für die höheren Karten aus und sammelt die
Einsätze der niedrigeren ein. Ich bekomme eine matte Zehn-Fils-Münze
für meinen Kreuzbuben. Selmas Karte wird als letzte umgedreht.
Wieder ein As! Das Pik-As.
Selma bekommt weitere dreißig Fils. Ich frage mich im stillen,
wieviel ihrer Begeisterung daran liegt, daß sie Laila ärgern
kann, und wieviel das Gewinnen selbst ausmacht. Laila macht ein
Pokergesicht und mischt die Karten. Aber ihre Hände zittern, während
sie die scharfen Kanten ineinanderschnellen läßt. Endlich wird
der Stapel geteilt. Laila legt drei Reihen von jeweils vier
Karten in der Mitte aus. Selma plaziert ihre zehn Fils auf
irgendeine Karte. Laila dreht ihre Karte um und räuspert sich, hält
ihr Kreuz-As hoch. Diesmal schießt ihre Hand als erstes zu Selmas
Karte.
Das Karo-As trifft Laila völlig unvorbereitet. Ein Spieler pfeift
bewundernd.
- Heh, Selma, du kriegst heute wohl nur Asse, sagt ein anderer.
Laila errötet, ihr Gesicht so rot wie das Karo. Wie hoch ist die
Wahrscheinlichkeit, in drei aufeinanderfolgenden Runden ein As zu
bekommen? versuche ich auszurechnen, während sich Laila und Selma
anstarren. Ihre Fäuste liegen auf dem Tisch. Alle sind verstummt,
so wie vor vier Jahren, als Laila, eine goldene Krone auf dem
Kopf, ihre acht Kerzen ausblasen wollte und Selma »Happy Birthday,
liebe Laila der Wolf« sang.
Ich weiß nicht, was diesmal passiert wäre, wenn Selmas Mutter
sie nicht in diesem Moment gerufen und gebeten hätte, Gläser aus
der Küche zu holen.
- Heute kein Glück? fragt Dudi, legt mir den Arm um die
Schultern. Komm, ich will dir was zeigen.
Erschreckt über sein plötzliches Auftauchen, schiebe ich seinen
Arm weg. Wie lange hat er mir schon über die Schulter geschaut?
Ich lasse mich von ihm zum Büfett ziehen, um die unbegrenzten Fähigkeiten
seiner Nase zu bezeugen. Wie gebeten, verbinde ich ihm die Augen
mit einer Serviette. Die Hände hinter dem Rücken, beugt er sich
zum Büfett vor, während ich ihn am Jackenkragen halte und seine
Nase von Gericht zu Gericht führe, sie beinahe hineintunke.
- Kreuzkümmel! Ich rieche Kreuzkümmel, und er steigt von
gekochten Kichererbsen auf ... also müssen das gebratene
sambusaks sein, stimmt's? Siehst du! Das nächste ist kein
Problem, das sind Käsesambusaks. Der Geruch von gebackenem Teig
mit einem Hauch Anis und Kümmel erfüllt das ganze Haus. Selmas
Eltern sind nicht sehr gläubig, oder? Okay, dann kommt der
Pimentgeruch bestimmt von Reisbällchen, gelben Reisbällchen, um
genau zu sein - gefüllt mit Fleisch. Ja, ich weiß, daß Kurkuma
keinen Geruch hat, aber Reisbällchen sind immer gelb, stimmt's?
Ich hab die kubba vergessen! Das ist eine Schande. Ich versuch's
noch mal. Nein, es hat keinen Sinn, machen wir weiter. Na, und was
haben wir hier? Amba, Mangochutney und Limonenchutney und
persischen Knoblauch und als Krone des Ganzen mechallelah, in
Salzlake eingelegte rote Rüben. Bei mechallelah kann ich sogar
das Rot riechen, glaub mir. Nein, im Ernst, manchmal kann ich
Farben riechen. Das kann ich beweisen. Was, ich habe die burek-Röllchen
ausgelassen? Halt an! Diese Schärfe kommt bestimmt von
Tamarinden, aber verdammt, was ist es noch? Jaaa, ein Hauch Zimt
und auch ein Spritzer Zitronensaft. Nein, sag nichts, es liegt
mir auf der Zunge ... das sind dolma, gefüllte Weinblätter,
stimmt's? Gott, meine Nase wird jeden Tag besser. Blödsinn, Lina,
deine Andeutungen waren minimal. Oh, jetzt sind wir in einer
anderen Welt gelandet, das ist der Geruch des Paradieses nach dem
Regen. Okay, ich sag's genauer, das ist Rosenwasser, aber den
Rest mußt du mir sagen. Zingula-Spiralen? Gute Güte, mir läuft
das Wasser im Mund zusammen. Du weißt, daß ich Süßigkeiten
nicht widerstehen kann. So, wo wir jetzt beim Gebäck sind, laß
mich ein letztes Mal raten. Meine Nase muß direkt über malfouf
sein, Löffelbiskuits gefüllt mit gemahlenen Mandeln, stimmt's?
Falsch! sagt Selma und drückt Dudis Kopf runter.
Seine Nase versinkt in den manal-samaks, weichen Nugatküchlein
in Mehl. Selma und ich lachen, bis uns die Tränen kommen; Dudi
niest in das Gebäck, und das Mehl stäubt über den ganzen Tisch.
Er reißt sich die Serviette von den Augen, niest noch mal, rennt
ins Badezimmer, verflucht uns und wischt sich den weißen Staub
vom Gesicht.
Selma und ich laden uns die Teller mit kleinen Happen von allem
voll.
- Das Büfett ist vorzüglich, Selma. Köstlich.
- Das solltest du Mama sagen. Sie hat drei Tagen lang daran
gearbeitet.
Dampf strömt aus ihrem Mund, als sie in eine kubba beißt.
- Mama sagt, ich muß mich als Gastgeberin um all meine Gäste kümmern,
aber ich kann es kaum erwarten, wieder am dossa-Tisch zu sitzen.
Es war doch nicht richtig, das Herz-As zu versetzen, oder?
- Selma, du wirst es nicht bekommen, und wenn du bis morgen früh
spielst.
Ich wiederhole, was ich von Vaters Einführung in die
Wahrscheinlichkeitsrechnung behalten habe. Auch Selma weiß, daß
die Chance, ein As, irgendeins, aus einem Packen von 52
Spielkarten zu bekommen, 52 geteilt durch 4 ist, also l zu 13. Sie
muß eine Weile kauen und die Finger lecken, bevor sie die sich
daraus ableitende Tatsache akzeptiert, daß die Chance, ein As,
irgendeins, in zwei aufeinanderfolgenden Runden zu bekommen,
1:13x13, und in drei aufeinanderfolgenden Runden 1:13x13x13 ist,
und das muß weniger als eins zu tausend sein!
Aber sie hat nicht nur Asse bekommen, Selma hat in jeder Runde ein
anderes gezogen, eine noch viel unwahrscheinlichere Kombination.
Wie viel? Dazu brauche ich Papier und Bleistift; die Chance muß l
zu 4/52x3/52x2/52 sein, eins zu Tausenden, nehme ich an. Die
Zahlen beeindrucken sie wenig. Selma zerteilt eine getrocknete
Dattel der Länge nach, ersetzt den Kern durch eine Walnuß und
beißt das winzige Sandwich in der Mitte durch. Ob sie wohl
kapiert hat, was ich meine? Sie betrachtet den Rest der Dattel in
ihrer Hand und schaut die Füllung an, als hätte sie sie nicht
selbst vor einem Moment hineingetan.
- Warum soll ich mir den Kopf zerbrechen, wenn das Ergebnis doch
nur rein zufällig ist? fragt Selma schließlich. Und wenn der
Zufall mir nacheinander drei Asse zugespielt hat, glaubst du
wirklich, daß deine Berechnungen das vierte aufhalten werden?
- Es ist eine Chance von eins zu 4/52x3/52x2/52x1/52! Das ist so
gut wie unmöglich, verstehst du nicht?
Unbeeindruckt stellt sie den leeren Teller auf das Büfett und
geht zurück zum Kartentisch. Laila ist plötzlich die
Freundlichkeit in Person. Sie reicht Selma die Karten und erklärt
höflich, daß sie dem Anblick und dem Geruch des phantastischen Büfetts
nicht länger widerstehen kann. Selma winkt mich fröhlich heran,
reibt sich die Hände, begierig darauf, die Bank zu halten. Ich
gehe zu ihr, verwundert über Lailas plötzlichen Rückzug und
noch mehr über ihre ungewöhnliche Freundlichkeit. Selma zieht
ihren Pullover aus, leert ihren Geldbeutel auf den Tisch und
mischt die Karten.
Sie hat geschwitzt, sagt mir meine Nase. Aber der Geruch ist
scharf, wie gegorener Schweiß, ein Geruch, den Selmas Poren noch
nie von sich gegeben haben.
Sie ist in letzter Zeit so groß geworden, bestimmt größer als
ihre Mutter. Ihr Hintern rundet sich, zerreißt fast ihren Rock,
wie aufgegangene Hefe. Ihre Schultern sind breiter geworden und
ihre Brüste angeschwollen; sie wippen, wenn Selma Karten austeilt
oder sie einsammelt. Ich wette, daß sie bald einen BH trägt.
Und ich wage zu behaupten, daß sie bereits ihre Tage kriegt.
Ihr Bankstapel wird bald zu einem Hügel, nicht ohne die Unterstützung
meiner schimmernden Münzen. Trotzdem ist bisher weder das Herz-As
noch sonst ein As in einem Blatt aufgetaucht.
Selma hört plötzlich auf zu mischen und breitet das Kartenspiel
auf dem Tisch aus, die Karten aufgedeckt.
Irgendein verdammtes Miststück hat die Asse aus dem Spiel
genommen! schnaubt sie.
Ein Miststück namens Wolf? kichere ich.
Lailaaaaaaaaaaaaaa ...
Selma rennt los, um sich ihre Asse wiederzuholen. Ein merkwürdiger,
ein bißchen fischiger Geruch bleibt mir in der Nase. Dudis
krampfartiges Lachen dröhnt aus der Lügenwürfel-Ecke herüber.
Lailas geschminktes Gesicht verzieht sich vor Wut. Mein Magen
kneift, ich ahne das Ende unserer Kindheit.
Mona Yahia:
Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom
Eichborn-Verlag Frankfurt 2002, 432 Seiten
Übersetzung: Susanne Aeckerle
(When the Grey Beetles Took Over Baghdad)
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