| Hallo Sarah - hier ist Salah
Von Iris Noah
Salah, 12 Jahre alt, wählt irgendeine Nummer und landet bei Sarah, 10
Jahre alt. Die beiden entwickeln eine Telfonfreundschaft und tauschen
sich über ihren Alltag aus. Salah ist Muslim, hat viele Geschwister und
muß bereits Verantwortung für die Familie übernehmen, die in beengten
Verhältnissen wohnt. Sein Vater ist als Einwanderer aus Algerien nach
Frankreich gekommen. Er lebt in räumlich beengten Verhältnissen und hat
noch nie außerhalb der Schule ein Buch gelesen. Das örtliche
Fernsprechbuch ist das erste Buch, das ihn fasziniert. Sarah ist Jüdin,
soll aufs Gymnasium und steht als Einzelkind im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Sie lebt in einem Haus mit Garten. Bücher
spielen eine große Rolle für sie.
Diese beiden Kinder treffen aufeinander und lernen sich telefonisch
kennen: Was sie in der Schule erleben, welche Feste in ihren Religionen
gefeiert werden, was in der Familie besprochen wird und wovon sie
träumen.
Susie Morgenstern, eine in Frankreich lebende amerikanische Jüdin hat
hier in einem sehr ansprechenden Stil ein Kinderbuch geschrieben, das
zum gegenseitigen Verständnis anregen könnte und auch schwere Themen wie
Auschwitz und den Algerienkrieg nicht ausspart. Da beide Kinder
Minderheiten angehören, könnten sich gerade für junge Leser und
Leserinnen, die der Mehrheitsgruppe angehören neue Einsichten bei der
Lektüre ergeben. Muslimische und jüdische Kinder könnten in diesem Buch
ihre Lebenswelt gespiegelt finden, was in der deutschen Kinderliteratur
ohnehin eine Seltenheit ist. Nach dem Einbruch, den die Terroranschläge
des 11. September darstellen, könnte ein solches Buch Anregungen für das
interkulturelle Gespräch geben.
Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit?
Diese Frage muß leider mit NEIN beantwortet werden. Peter Prange hat in
der Übersetzung zwar den spritzigen und einfühlsamen Sprachstil von
Susie Morgenstern gut getroffen. Mit jüdischen Traditionen kennt er sich
jedoch nicht aus und hat Fehler und auch Fehlwahrnehmungen in den Text
hineinübersetzt. Da er Mohammed als "Oberhaupt von Salahs Glauben"
(Seite 90) bezeichnet, nehme ich ebenfalls an, daß seine Beschäftigung
mit dem Islam auch nicht sehr tiefgehend war, denn der Islam hat kein
Oberhaupt wie die katholische Kirche. Leider hat auch das Lektorat
schlampig gearbeitet und nicht dafür gesorgt, daß die Übersetzung
fachkompetent gegengelesen wird. Nur einige Beispiele seien hier
herausgegriffen:
Sarahs Großmutter ist in Konstantinopel - heute Istanbul - geboren
(Seite 41) und hat in ihrer Familie "ladinisch" gesprochen (Seite 44).
Man fragt sich, wie ladinisch, eine Minderheitensprache, die in einigen
Schweizer und Südtiroler Tälern gesprochen wird, in die Türkei kommt?
Die Juden, die ab 1492 von der iberischen Halbinsel vertrieben wurden
und sich größtenteils im Mittelmeerraum ansiedelten (sephardische Juden)
haben eine eigene jüdische Sprache mit verschiedenen Ausprägungen: das
Ladino - so wie die Juden Mittel- und Osteuropas (aschkenasische Juden)
jiddisch sprachen. Im Italienischen wird sowohl die Sprache der
sephardischen Juden als auch die einer Schweizer und Südtiroler
Minderheit als "ladino" bezeichnet.
Wünschenswert wäre auch, daß die Bezeichnungen der jüdischen Feiertage
so übersetzt werden, wie sie hier üblicherweise von Juden gebraucht
werden, damit interessierte Leser sich im Internet oder im Lexikon
informieren können. Unter "Versöhnungsfest" (Seite 48) ist im Internet
im Gegensatz zum "Versöhnungstag" nichts zu finden. Der "Geburtstag der
Bäume" (Seite 74) - gemeint ist Tu bi Schewat - ist das "Neujahrsfest"
der Bäume. Da dem Buch kein Glossar angefügt wurde, wäre es wichtig, daß
diese Details stimmen.
Das Essen ist ein besonders heikles Kapitel was die
Übersetzungsfehler betrifft:
Die Speisegebote der Juden erweitert Peter Prange dahingehend, daß man
Rohkost vermeide. Gerade das Gegenteil ist der Fall: Obst und Gemüse
können mit allen anderen erlaubten Lebensmitteln beliebig kombiniert
werden. Das bereits erwähnte "Neujahrsfest der Bäume" hat die
Besonderheit, daß dabei besonders viele unterschiedliche Früchte
verzehrt werden.
Außerdem hat Sarah zum ersten Mal am "jüdischen Pfingstfest" (Seite
112) Wein getrunken. Gemeint ist das Schawuot-Fest, an dem Gott dem
jüdischen Volk die Torah am Sinai gegeben hat. An Pfingsten ist der
Geburtstag der Kirche, und das ist bekanntlich eine christliche
Angelegenheit. Hier trägt der Übersetzer das christliche Konzept von
Pfingsten an das Judentum heran. Sowenig wie es ein "christliches
Purimfest" gibt, gibt es ein "jüdisches Pfingstfest". Mit solchen
Bezeichnungen verhindert man eher einen Verstehensprozeß als daß man ihn
fördert, da hier Bilder vermittelt werden, denen Fehlwahrnehmungen
zugrunde liegen.
Der Leser erfahrt, daß Sarah am "jüdischen Pfingstfest" kein Brot
gegessen habe (S. 112). An Schawuot ißt man vorwiegend Milchprodukte.
Ganz beliebt sind alle möglichen Varianten von Käsekuchen. Es gibt aber
kein Verbot Brot oder Teigwaren zu konsumieren. Der Übersetzer hat es
mit dem Pessachfest verwechselt, an dem 8 Tage alles Gesäuerte (Brot,
Kuchen, Bier etc.) verboten ist.
Susie
Morgenstern:
Hallo Sarah - hier ist Salah
Aus dem Französischen von Peter Prange
ab 10 Jahren
Taschenbuch, 128 Seiten
Omnibus Verlag
ISBN: 3-570-20692-0
Hier gibts eine Leseprobe zu diesem Buch |