|

Einige Gedanken zu Pessach
von Eli Erich Lasch
In dieser Woche feiern die
Juden auf der ganzen Welt Pessach und am Mittwochabend rezitieren wir die
Haggadah. Das Wort bedeutet „die Erzählung“ und es ist der Text, den wir
benutzen, um unsere Befreiung aus Ägypten, dem engen Land der Knechtschaft,
zu feiern.
Dieser Text ist ein typisches Beispiel dafür, wie wir Worte und Symbole dazu
benützen um die jüdische Geschichte und Tradition zu bewahren und zu
überliefern. Überliefern und aktuell machen – in jeder Generation muss sich
jeder so fühlen, als ob er persönlich aus Ägypten gezogen wäre, so wie es
geschrieben steht: “Es geschieht um dessen willen, was der Herr für MICH
getan hat, als ICH aus Ägypten zog“ (Exod. 13, 8).
Ich möchte mich heute mit zwei Aspekten beschäftigen, die ich von einem
meiner Lehrer, Rabbi Uziel Weingarten aus den Vereinigten Staaten,
übernommen habe.
Der erste ist das Pessachopfer.
Das Pessachopfer als Symbol der
Macht
Die Ägypter waren kein
gottloses Volk. Im Gegenteil, sie waren eine tief religiöse Gesellschaft.
Das bestätigt sogar die Torah, als sie die Götter Ägyptens erwähnt. (Exod.
12.12) Nur waren ihre Götter eben Götzen und einer ihrer Hauptgötzen war
Khnom, der Erschaffer der Welt und der Menschheit; dieser wurde als Widder
dargestellt. Deshalb gehörte es zu den wichtigsten Verboten Ägyptens einen
Widder (oder ein Lamm) zu töten und zu verzehren. Die Strafe für so eine
Tat, insbesondere, wenn sie in der Öffentlichkeit begangen wurde, war die
Hinrichtung durch Steinigung. (Exod. 8, 22) Das war auch einer der Gründe
dafür, dass die Ägypter nicht bereit waren mit den Israeliten zusammen zu
essen. (Genesis 47,22).
Das Opfern eines der heiligsten Symbole der ägyptischen Religion war also
eine öffentliche Erklärung der Israeliten, dass sie nicht nur das Land
Ägyptens verliessen, sondern die Herrschaft der ägyptischen Götter.
Wichtiger war vielleicht noch die Tatsache, dass es nicht die Israeliten
waren, die für diesen „Frevel“ bestraft wurden, sondern die Ägypter selbst.
Sie und nicht die Israeliten verloren ihre erstgeborenen Söhne. Die
Israeliten wurden sogar durch das Blut des „frevelhaften“ Opfers beschützt.
Das zeigte beiden Völkern ein für allemal die wahren Machtverhältnisse: dass
der Gott der Hebräer der mächtigere war. Das war der Grund dafür, dass
Pharao die Kinder Israel endlich ziehen liess, damit sie diesem mächtigen
Gott dienten. Um das hervorzuheben, wiederholt die Bibel einige Male den
folgenden Satz: „Denn mit starker Hand und ausgestrecktem Arm hat er euch
aus Ägypten herausgeführt“. (Exodus 13,9; Deuteronomi 4, 33; 5, 15 und 6,21)
Der böse Sohn in der Haggadah
Der zweite Aspekt, den ich
ansprechen möchte, beschäftigt sich mit den Fragen über den Sinn von
Pessach, die von vier verschiedenen Kindern gestellt werden. Einer von ihnen
wird von der Haggadah als böse dargestellt: „Was sagt der Böse?“ „Was soll
EUCH dieser Dienst?“ (Exodus 12, 26) EUCH und nicht ihm selbst. Da er sich
selbst aus der Gemeinschaft ausschliesst, leugnet er den zentralen Pfeiler
des Glaubens: „Auch du, verweise ihn in seine Schranken und sage ihm:
Deswegen hat es der Allmächtige mir getan, als ich aus Ägypten zog“, mir und
nicht dir. Wärest du dort gewesen, wärest du nicht erlöst worden.“
Wenn das Kind nach der
Bedeutung dieses Rituals „für EUCH“ fragt, meint es laut der Haggadah: „für
EUCH, aber nicht für mich“. Das impliziert die drastische Schlussfolgerung,
dass es sich aus der Gemeinde ausgeschlossen hat. Wie antwortet man so einem
Kind?
Die Haggadah ist sehr scharf: „Wenn der Sohn sich aus der Gemeinde
ausschliesst, wird auch er ausgeschlossen. Die Mitzwah ist nach seiner Sicht
für EUCH bestimmt und nicht für ihn, und die Haggadah schreibt dem Vater vor
ihm zu antworten: „Die Erlösung ist für mich und nicht für dich ist.“ Wer
sich von der Mitzwah ausschliesst, schliesst sich auch von Gottes Erlösung
aus.
Die Torah hingegen ist nicht
so streng. Laut Ibn Ezra, Rashbam u. a. versteht die Torah sehr gut, dass
das Ritual des Pessachopfers merkwürdig erscheinen könnte. Und die Antwort
der Torah auf die Frage, die ein Sohn möglicherweise stellen wird, ist: „Es
ist ein Pessachopfer für Gott, der Erbarmen hatte mit den Häusern der
Israeliten in Ägypten.“
Einer orthodoxer geistiger
Lehrer, Rabbi Joel bin Nun, der Leiter der Yeshivat Hakibbutz Hadati in
Israel, sagte darauf Folgendes: „Der Midrasch, auf den sich die Haggadah
bezieht (Mekhilta Bo 17) sagt nicht, dass es darum geht diese oder jene oder
sogar alle Mitzwot zu erfüllen. Wir haben es hier mit jemanden zu tun, der
sich entschlossen hat aus der Gemeinde auszutreten, das heisst das Volk zu
verlassen und sich nicht mehr als Jude zu identifizieren. Es handelt sich um
eine entscheidende Botschaft, die jedem Juden sagen will: `Nur wenn du dich
ausschliesst, schliessen wir dich aus. Nur wenn du durch deine Worte oder
deine Taten erklärst, dass du nicht bereit bist weiterhin ein Jude zu sein,
werden wir dich nicht mehr als Teil der Gemeinde ansehen. Sonst erkennen wir
dich weiterhin als der Familie zugehörig an.’“
Es ist tragisch, dass sehr
viele Menschen angegriffen werden, wenn sie Fragen über Glauben und Rituale
stellen. Das passiert gewöhnlich, wenn Lehrer oder Eltern für bestimmte
Lehren der Bibel keine befriedigenden Erklärungen haben. Um ihren Glauben zu
verteidigen verdammen sie zugleich die Frage und denjenigen, der die Frage
stellt. Dieses ist aber nicht der richtige Weg. Der Fragende wird daraus
schliessen, dass es gefährlich ist Fragen über das Judentum zu stellen. Er
kann sogar zu dem Schluss kommen, dass es keine Antworten gibt und die ganze
Torah keinen Sinn macht. Diese Auffassung ist in Israel und in Amerika
leider sehr verbreitet. Verantwortlich dafür sind gewöhnlich die Eltern und
die Lehrer.
Worte, die erlösen
Wie gehen wir mit Kindern um,
die den Glauben verlassen wollen? Eine chassidische Geschichte, die mich
persönlich sehr berührt, ist die folgende: Ein besorgter Vater kam zum Rebbe
und sagte: „Mein Sohn ist dabei die Gemeinde zu verlassen. Was soll ich
tun?“ Der Rebbe antwortete: „Gib ihm mehr Liebe!“
Man muss versuchen das
fragende Kind zu verstehen ohne es zu verurteilen und man muss ehrlich
zugeben, dass man die Antworten nicht immer weiss. Das Einzige, was man
nicht tun soll, ist es zu beschämen.
Nicht wissen, fragen oder herausfordern sind nicht negativ. Der Name unseres
Volkes, Israel, bedeutet schliesslich: „der mit Gott ringt“. Falsch ist es
nur, den Fragenden selbst anzugreifen, Verachtung und Schuldgefühle zu
vermitteln, das Kind mit dem Bade auszuschütten. So eine Einstellung wird
genau das erzeugen, was die Haggadah den „bösen Sohn“ nennt mit dem
Resultat, dass das Kind mit den Füssen abstimmen und das Judentum verlassen
wird.
Zur [Diskussion],
steht der Autor im Forum zur Verfügung.
|