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Sefer
Jezirah:
Das "Buch der Schöpfung"
Die Talmudische Periode
Beim Eintritt in die Talmudische
Periode machen wir einen Übergang von der Überlieferung zur Geschichte.
Wir finden tatsächlich Erwähnungen des Sefer Jezira im Talmud, und wenn
es auch nicht völlig bestimmt ist, daß es mit unserer Version identisch
ist, gibt es keinen wirklichen Grund, daran zu zweifeln, daß es sich um
ein und den selben Text handelt.
In Talmudischen Zeiten begann das Sefer
Jezira als mündliche Überlieferung und wurde schließlich zu einem Buch,
das von den Weisen benutzt wurde. Der erste Bezug zu derartigem Gebrauch
bezieht Rabbi Yehoshua [ben Chananya], einen der führenden Weisen des
ersten Jahrhunderts, mit ein. Ihm wird der Ausspruch zugeschrieben: "Ich
kann Matsch und Kürbisse nehmen, und mit dem Sefer Jezira kann ich
daraus schöne Bäume machen. Diese wiederum werden andere schöne Bäume
hervorbringen."45
Obwohl die Redewendung: "mit dem Sefer
Jezira" in gedruckten Ausgaben des Jerusalemer Talmud nicht auftaucht,
ist sie in Manuskripten zu finden.
Dieser Bezug auf Rabbi Yehoshua ist sehr bedeutungsvoll. Rabbi
Yehoshua war einer der fünf besten Schüler von Rabbi Yochanan ben Zakkai
(47 v.Chr. - 73 n.Chr.), Führer aller Juden nach der Zerstörung des
Tempels und ein berühmter Experte in allen okkulten Künsten.46
Es war Rabbi Yehoshua, der Rabbi Yochanans
Eleve in den Geheimnissen der Markava war, und später erntete er Ruhm
als der größte Experte seiner Zeit auf dem Gebiet des Okkulten.47
Dies lenkt den Blick auf eine andere wichtige mystische
Persönlichkeit. Nach einer alten Quelle wurde Rabbi Yehoshua die
Überlieferung ebenfalls von Rabbi Nehunia ben HaKanah, Führer der Schule
die den Bahir verfaßte, gegeben. Im Sefer HaTagin, finden wir,
daß die Überlieferung hinsichtlich der mystischen Bedeutung der Kronen (tagin)
in Bezug auf die hebräischen Buchstaben, auf folgende Art weitergegeben
wurde: "Menachem überlieferte es Rabbi Nehunia ben HaKanah, Rabbi
Nehunia ben HaKanah überlieferte es Rabbi Eleasar ben Arakh, Rabbi
Eleasar ben Arakh überlieferte es Rabbi Yehoshua, und Rabbi Yehoshua
überlieferte es Rabbi Akiba."48
Rabbi Eleasar ben Arakh wird als der größte Schüler Rabbi Yochanan
ben Zakkais bezeichnet.49
Es ist auch bekannt, daß er die
Markava-Mysterien von Rabbi Yochanan lernte.50
Aus der oben genannten
Überlieferung erfahren wir auch, daß er von Rabbi Nehunia lernte,
möglicherweise nachdem er Rabbi Yochanan verließ. Der Talmud berichtet,
daß Rabbi Eleasar zu dieser Zeit am Fluß Dismas, in der Stadt Emmaus
lebte.51
Emmaus ist als der Ort bekannt, an
dem Rabbi Nehunia lebte, wie auch als ein allgemeiner Ort
kabbalistischen Lehrens.52
Es ist sehr wahrscheinlich, daß
Rabbi Eleasar so in den Mystizismus verwickelt wurde, wie der Talmud
berichtet, daß er seinen Bezug zur legalistischen Theorie verlor.
Ebenso wichtig ist die Tatsache, daß behauptet wird, Rabbi Nehunia
habe die Überlieferung von Menachem bekommen. Es ist bekannt, daß Rabbi
Nehunia der führende Mystiker des ersten Jahrhunderts, wie auch ein
Kollege von Rabbi Yochanan ben Zakkai war.53
Es gibt jedoch keine Unterlagen
darüber, wer seine Meister waren. Aus dem Sefer HaTagin lernen
wir, daß Rabbi Nehunia mindestens einige der Mysterien von Menachem
lernte, der als Vizepräsident der Sanhedrin (Oberster Gerichtshof) unter
Hillel diente. Als Menachem von dieser Position zurücktrat, wurde
Shammai an seiner statt ernannt.54
Die meisten Experten identifizieren dieses Individuum mit Menachem
dem Essener, der von Josephus erwähnt wurde.55
Menachem hatte als Kind einmal Herod
geschaut und prophezeit, daß er König werden würde. Wegen dieser
Begebenheit ehrte Herod, nachdem er den Thron bestiegen hatte, den
Menachem, wie auch die anderen Essener. Infolge seiner Beziehung zu
Herod konnte Menachem seine Position im Sanhedrin nicht länger
beibehalten.
Falls wir die oben genannte Überlieferung akzeptieren, könnte Nehunia
ben HaKanah wenigstens etwas von seinem mystischen Wissen von Menachem
dem Essener erhalten haben. Dies würde zeigen, daß den Essenern die
mystischen Künste bekannt waren und daß sie sie zumindest einigen der
Talmudischen Meistern lehrten. Josephus berichtet, daß die Essener die
Namen der Engel benutzten und unter Einbeziehung verschiedener
Läuterungen und Praktiken der Propheten fähig waren, die Zukunft
vorherzusagen.56
Noch wichtiger mag sein, das
Josephus die Essener mit den Pythagoräern vergleicht.57
Da das Sefer Jezira anscheinend
einige Elemente beinhaltet, die den Lehren der Pythagoräer ähneln, mag
es sein, daß die Essener den Text während der Zeit vor der Schaffung des
Talmud bewahrten.
Rabbi Eleasar lehrte die Überlieferung über die Kronen auf den
hebräischen Buchstaben dem Rabbi Yehoshua, der sie wiederum an Rabbi
Akiba (12-132 n.Chr.) weitergab. Rabbi Akiba brillierte auf diesem
Gebiet, und der Talmud berichtet, daß er viele wichtige Lehren von
diesen Kronen ableitete.58
Er empfing auch die
Markava-Tradition von Rabbi Yehoshua, wie auch viele andere wichtige
okkulte Überlieferungen.59
Es steht außer Frage, daß Rabbi
Akiba zu seiner Zeit der größste Experte der mystischen Künste war.60
Rabbi Shimeon Yochai, Autor des
Sohar, war ebenfalls ein Schüler von Rabbi Akiba.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß eine Reihe von Quellen die
Verfasserschaft des Sefer Jezira Rabbi Akiba zuschreibt.
61 Die meisten der frühen
Talmudischen Texte werden Rabbi Akiba zugeschrieben, der sie mündlich in
klar umrissener Form übermittelte.62
Obwohl diese Bücher nicht
niedergeschrieben wurden, waren sie von Rabbi Akiba formuliert worden,
und es war sein Wortlaut, der mündlich gelehrt wurde.
Damals gab es eine Regel, nach der die mündliche Überlieferung genau
überprüft wurde, Wort für Wort, genau so, wie sie übermittelt worden
war. Die Regel lautete: "Man soll immer den genauen Wortlaut seines
Meisters überprüfen."63
Jeder Meister würde deshalb ein
Studienprogramm bereitstellen, das seine Jünger Wort für Wort memorieren
würden. Im legalistischen Gebiet war dies als die "Erste Mischna"
bekannt.64
Es ist möglich, daß Rabbi Akiba
auch eine mündliche Version des Sefer Jezira schuf, die für seine
Studenten der mystischen Lehre zum Memorieren gedacht war. Außer diesen
mögen auch persönliche Aufzeichnungen bewahrt worden sein.
Nach dieser Betrachtung wäre das Sefer Jezira nichts anderes als der
Überrest der mündlichen Überlieferung. Obwohl es als mündliche
Überlieferung gedacht war und eigentlich nicht publiziert werden sollte,
wurden persönliche Aufzeichnungen und Manuskripte bewahrt.65
Dies traf besonders auf wichtige Lehren,
die üblicherweise nicht in den Akademien besprochen wurden, wie auch auf
esoterische Texte zu.66
Genauso würden die Leiter der
Akademien geschriebene Notizen aufbewahren, um die Überlieferung
möglichst exakt zu erhalten.67
Obwohl diese Notizen nie
veröffentlicht wurden, bewahrte man sie in den Akademien sorgfältig auf.
Spätere Lehrer fügten diesen Manuskripten oft Randbemerkungen hinzu, und
solche Notizen wurden gelegentlich auch in den von ihnen benutzten
Biblischen Texten gefunden.68
Da diese Notizen von Privatpersonen
bewahrt und nie publiziert wurden, sind sie als "verborgene Schriften" (Megillat
Setarim) bekannt geworden.69
Nicht nur solch esoterisches
Material wie das Sefer Jezira wurde in diese Kategorie eingeschlossen,
sondern sogar derart legalistisches Material wie die Mischna, die als
mündliche Überlieferung verstanden wurde.
Dies könnte erklären, warum das Sefer Jezira in so vielen Versionen
existiert. Anders als die Mischna, die schließlich in einer klar
umrissenen Ausgabe veröffentlicht wurde, entwickelte sich das Sefer
Jezira nie über den Status einer "verborgenen Schrift" hinaus. Andere
Versionen mögen von verschiedenen Lehrern gelehrt worden sein, und da
der Text nie veröffentlicht wurde, gab es keinen Weg, wie diese
Versionen verglichen und berichtigt werden konnten. Desweiteren mögen
viele Randbemerkungen in den Text eingegliedert worden sein, was auch
wieder andere Versionen geschaffen haben mag. All dies mag als Erklärung
für die Tatsache dienen, daß es keinen hebräischen Klassiker gibt, der
in so vielen Versionen und Varianten erscheint wie das Sefer Jezira.
Es scheint sehr wahrscheinlich, daß das Sefer Jezira schon in seiner
gegenwärtigen Form existierte, als die Mischna im Jahre 204 n.Chr.
redigiert wurde. Die Mischna wurde von Rabbi Yehudah dem Prinzen
(135-220 n.Chr.), gewönlich nur als Rebbi erwähnt, redigiert. Es ist
allerdings möglich, daß es in der Mischna selbst einen Bezug zum Sefer
Jezira gibt. In einer der wenigen Passagen, in der sie esoterische
Lehren behandelt, sagt die Mischna: "Die Geheimnisse der Schöpfung (Maaseh
Bereshit) sollen nicht in Gegenwart von zwei Schülern erläutert
werden, und die Mysterien der Markava (Maaseh Markava) sollen
nicht einmal in Gegenwart von nur einem erläutert werden, es sei denn,
daß er weise ist, verständig mit seinem Wissen."70
Der Ausdruck "Maaseh Merkava" bezieht sich auf die meditativen
Methoden, die benutzt wurden, um in höhere spirituelle Bereiche
aufzusteigen.71
Obwohl spätere Philosophen wie
Maimonides geltend machten, daß dies philosophische Spekulation mit
einschließt, sagen die ältesten Quellen eindeutig, daß Maaseh Markava
von den meditativen Methoden handelte, die für den spirituellen Aufstieg
benutzt wurden.72
Als solche wurde sie als die
esoterischste aller spirituellen Übungen betrachtet.
Nach der Meinung vieler Autoritäten bezieht sich Maaseh Bereshit
auf die Geheimnisse des Sefer Jezira.73
Da wir wissen, daß Maaseh Markava
mystischer Natur war, wäre es logisch anzunehmen, daß das gleiche für
Maaseh Bereshit galt. Desweiteren erklärt die Annahme, daß Maaseh
Bereshit das Sefer Jezira beinhaltet, auch eine Anzahl von sonst
unklaren Talmudischen Verweisen. Es gibt auch Hinweise, daß der Rebbi
mit den Geheimnissen der Markava vertraut war und es liegt nahe
anzunehmen, daß er sich auch dem Sefer Jezira bewußt war.74
Eine Generation später finden wir daher einen Bericht über zwei von
Rebbis Schülern, die eindeutig in die Geheimnisse des Sefer Jezira
eingeweiht waren. Der Talmud berichtet: "Rabbi Hanina und Rabbi Hoshia
beschäftigten sich mit dem Sefer Jezira jedesmal [Freitags] vor dem
Sabbat, erschufen für sich ein junges75
Kalb und verspeisten es."76
Eine andere Version dieses
Berichtes sagt, daß sie eher die Hilkhot Jezira (Regeln der
Schöpfung) benutzten, als das Sefer Jezira.77
Der Ausdruck Hilkhot kann sich
sowohl auf philosophische wie auch auf juristische Regeln beziehen.78
In einigen der ältesten Manuskripte, wird
das Sefer Jezira tatsächlich Hilkhot Jezira genannt.79
Es gibt viele Interpretationen darüber, wie genau diese beiden Weisen
ein solches Kalb erschufen und warum sie es taten. Einige behaupten, daß
sie nicht tatsächlich ein physisches Kalb schufen, sondern ein derart
klares meditatives Bild, das der geistigen Zufriedenheit des Essens
gleich kam.80
Sogar ein solcher Kabbalist wie
Abraham Abulafia (1240-1296) behauptet, ihre Schöpfung sei eher mystisch
als physisch gewesen.81
Der Rashba (Rabbi Shlomo ben
Aderet: 1235-1310) fand die Tatsache besonders bedeutsam, daß sie dies
am Freitag durchführten, dem Tag, an dem ursprünglich die Säugetiere
erschaffen wurden.82
Diese Frage wird in unserem
Kommentar besprochen werden.
Offenbar lehrte Rabbi diese Geheimnisse auch seinem Schüler Rav (Abba
Arikhta), der sie wiederum Rav Yehudah (220 - 299 n.Chr), Gründer und
erster Rektor der babylonischen Akademie zu Pumpadita, lehrte. Dieser
Rav Yehudah wurde zusammen mit Rav Aina die "Ältesten von Pumpadita"
genannt.83
Der Talmud berichtet, daß die
"Ältesten von Pumpadita im
Maaseh Bereshit bewandert (tanu) waren."84
Aus dem Gebrauch des Wortes tanu
wird offenbar, daß Maaseh Bereshit bereits in eindeutiger
Form existierte, höchst wahrscheinlich als geschriebenes Buch.85
Dies würde bedeuten, daß das Sefer Jezira
bereits niedergeschrieben war.
Es gibt auch Hinweise darauf, daß Rav Yehudah die Geheimnisse des
Sefer Jezira von Rav lernte. Die Lehre: "Betzalel wußte, wie die
Buchstaben zu vertauschen waren, mit denen Himmel und Erde erschaffen
wurden", wird "Rav Yehudah im Namen von Rav" zugeschrieben.86
Ihm wird auch die Aussage zugeschrieben,
daß Gott zu Abraham sagte "Laß ab von deiner Astrologie."87
Dies zeigt, daß er Hinweise hatte, daß
Abraham in der Astrologie bewandert war, ein Standpunkt, der auch im
Sefer Jezira wiederzufinden ist. Es gibt auch Hinweise darauf, daß Rav
Yehudah die Geheimnisse des 42-buchstabigen Namens von Rav lernte.88
Als ein Initiierter in die Geheimnisse des Sefer Jezira hatte Rav
Yehudah auch ein tiefes Verständnis der mystischen Bedeutung der
hebräischen Sprache. Wir finden daher, daß er den Gebrauch der
hebräischen Sprache sogar im täglichen Gespräch besonders hervorhob.89
Rav Yehudah vertrat auch die Meinung, daß
das Gebet in Hebräisch und nicht in der aramäischen Landessprache
gesprochen werden sollte.90
Der Talmud berichtet, daß Rav Yosef die Geheimnisse des Markava
kannte, während die "Ältesten von Pumpadita" in den Geheimnissen der
Schöpfung bewandert waren. Rav Yosef brachte die Ältesten dazu, ihn die
Geheimnisse der Schöpfung zu lehren, wollte sie aber im Gegenzug nicht
in die Markava- Geheimnisse einweihen.91
Das zeigt, daß die Geheimnisse der Markava und die des Sefer Jezira
von verschiedenen Schulen gelehrt wurden und die Mitglieder einer Schule
die Lehren der anderen nicht kannten. Die beiden behandelten
unterschiedliche Disziplinen, und sie wurden sorgfältig getrennt
gehalten. Das beantwortet auch die Frage, warum das Sefer Jezira nie im
Hekhalot
erwähnt wird, dem Klassiker der Markava-Literatur.92
Die Markava-Literatur wurde in
einer Schule entwickelt, die keinen Zugang zum Sefer Jezira gehabt haben
konnte, wenn auch seine Mitglieder bestimmt darin bewandert waren. Im
gleichen Zusammenhang wird das Sefer Jezira im Sohar kurz erwähnt,
jedoch nicht im Haupttext.93
In dieser Epoche gab es einige Weise, die diese Mysterien völlig
mieden. Ein solcher war Rabbi Eleasar ben Padat, welcher der Akademie in
Tiberius nach dem Tod von Rabbi Yochanan in dem Jahr 279 n.Chr.
vorstand. Als Rabbi Yochanan ihm angeboten hatte, ihn die
Markava-Mysterien zu lehren, lehnte er mit der Begründung ab, daß er zu
jung sei. Nach Rabbi Yochanans Tod, als Rabbi Assi ihm diese Mysterien
übermitteln wollte, lehnte er wieder ab, indem er sagte: "So ich würdig
gewesen wäre, hätte ich sie von Rabbi Yochanan, eurem Meister, gelehrt
bekommen."94
Stattdessen nahm Rabbi Eleasar eine Position ein, die gegen die
esoterischen Schulen gerichtet war, und akzeptierte sodann den
Standpunkt von Rabbi Yosi ben Zimra. Er stritt ab, daß das Sefer Jezira
tatsächlich dazu benutzt werden könnte, Leben zu erschaffen, und sagte
im Namen von Rabbi Yosi: "So alle Menschen in der Welt zusammenkämen,
könnten sie nicht eine Stechmücke erschaffen und könnten sie mit einer
Seele erfüllen."95
Rabbi Eleasar zweifelte nicht, daß solche
Mächte existierten. Jedoch fühlte er, daß sie nicht länger bekannt
waren. Diese Mächte existierten jedoch in der Torah. Rabbi Eleasar sagte
daher: "Die Abschnitte der Torah sind nicht in der rechten Reihenfolge.
Falls sie in [rechter] Reihenfolge wären, würde jeder, der sie läse,
fähig sein [eine Welt zu erschaffen], die Toten zu erwecken, und Wunder
zu wirken."96
Eine Generation später finden wir zwei bedeutende Weise, die sich
aktiv mit den Geheimnissen des Sefer Jezira beschäftigten. Der Erste war
Rava (299 - 353 n.Chr.), Gründer und erster Rektor der babylonischen
Akademie in Mechuza, dem folgender Ausspruch zugeschrieben wird: "Wenn
der Gerechte es wünscht, können sie eine Welt erschaffen."97
Sein Partner war Rav Zeira, der als der
"Heilige von Babylon" bekannt wurde.98
So groß waren Rav Zeiras meditative
Fähigkeiten, daß er in der Lage war, seine Füße ins Feuer zu stellen,
ohne sie zu verbrennen. Er prüfte sich jeden Monat, um zu sehen, ob ihn
diese Kraft nicht verlassen hatte. Bei einer solchen Gelegenheit lenkten
ihn die anderen Weisen ab, und er scheiterte, woraufhin er "Der kleine
Mann mit den verbrannten Füßen" genannt wurde.99
Eine alte Überlieferung berichtet, daß Rava und Rav Zeira für drei
Jahre zusammenarbeiteten und über das Sefer Jezira meditierten. Als sie
ihn schließlich beherrschten, schufen sie ein Kalb, schlachteten es und
servierten es zu einem Fest, bei dem sie ihre Vollendung feierten. Sie
verloren ihre Kräfte danach wieder und mußten weitere drei Jahre
arbeiten, um sie wiederzuerlangen.100
Der Talmud berichtet: "Rava schuf einen Mann" und sandte ihn zu Rav
Zeira. Als dieser erkannte, daß der Android seine Fragen nicht
beantworten würde, wurde ihm bewußt, daß es ein Golem war, und er befahl
ihm, "in den Staub zurückzukehren".101
Der Bahir merkt an, daß der Golem nicht
sprechen konnte, weil Rava nicht völlig vom Makel der Sünde befreit war,
und daß solange der Mensch sündige, er an der Macht des Schöpfers nicht
teilhaben könne.102
Nur Gott könne einen Menschen
erschaffen, der sprechen kann. Dies ist die erste Erwähnung der
Schöpfung eines Golem in der hebräischen Literatur, aber aus dem
Mittelalter sind mehrere andere Beispiele überliefert.103
Sogar der Ausdruck "Rava schuf
einen Mann" hat mystische Nebenbedeutungen. Im Original ist es RaBhA
BaRA GaBhRA (àøáâ àøá àáø)
und, wie ein früher Kabbalist bemerkte, ist das zweite Wort nichts
anderes als die Umkehrung des ersten.104
Dem dritten Wort ist ein Gimmel, der
dritte Buchstabe des Alphabets, hinzufügt. Dies ergibt eine Redewendung,
die aus zehn Buchstaben besteht, mit dem Zahlwert 612, eins weniger als
613, die Zahl der Knochen und Blutgefäße im menschlichen Körper.105
Der Mensch, der von Rava erschaffen
wurde, war daher etwas weniger als ein Mensch. Auf manche Art erinnert
dieser Ausdruck an das Wort Abrakadabra (ABRA K’ADaBRA —
àøáãàë àøáà),
welches wörtlich "Ich werde erschaffen wie ich spreche", bedeutet.106
Während der Talmudischen Periode gab es viel Weise, die sich mit
diesen Mysterien beschäftigten.107
Mit dem Ende dieser Ära wurde jedoch ein
Mantel des Schweigens über alle okkulten Aktivitäten geworfen. Es
scheint, daß eine Anzahl mystischer Bücher während der folgenden
Gaonäischen Periode geschrieben wurde, aber ihre Ursprünge sind in den
Nebel des Geheimnisses gehüllt. Das Wissen über diese Praktiken
existierte bis spät in das 10. Jahrhundert hinein, und Hai Gaon (939 -
1038) spricht über Menschen, die sich mit der mystischen Vertauschung (tzeruf)
von Buchstaben beschäftigten.108
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Fußnoten
Kabalah
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