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KASCHES - VIER
FRAGEN
Teil II von Iris Weiss
(Kasches, jidd. Fragen, ist eine
Anspielung auf das Pessachfest, wo das jüngste Familienmitglied vier
Fragen - die mit den hier gestellten nicht identisch sind - an den Vater
richten muß)
Wer ist Jude?
"Wer jüdische Enkelkinder hat!" so las ich
neulich in einer Zeitung. Dies scheint auf den ersten Blick die
Umkehrung der üblichen Definition nach der Halacha zu sein, die besagt,
daß eine jüdische Mutter ausschlaggebend ist - oder die Konversion zum
Judentum. Das amerikanische Reformjudentum hat in den 70iger Jahren die
Definition erweitert: Auch wer einen jüdischen Vater hat und jüdisch
sozialisiert wurde, gilt als Jude (patrilineal descent). Damit ist
gemeint: Leben in einer jüdischen Gemeinde mit Besuch der
Religionsschule sowie die life-cycle-rituals wie Beschneidung beim
Jungen bzw. baby-naming beim Mädchen bzw. Bar und Bat Mizwa.
Egal, von welcher Seite her man sich dem biologischen Aspekt nähert, ob
nun die jüdische Mutter oder auch der jüdische Vater - oder erst die
jüdischen Enkel definieren sollen, wer Jude ist, ich finde, daß dies in
der modernen Welt nur EIN Aspekt sein kann. In der heutigen Zeit ist
diese Annäherung eher unbefriedigend. Sie reduziert komplexe
gesellschaftliche und geschichtliche Realitäten auf eine biologische
Gegebenheit und ist somit biologistisch. Ein oder zwei jüdische
Elternteile sagen noch nichts darüber, ob ein Mensch sich als Jude
identifiziert oder nicht.
Welches Recht habe ich, jemanden, der halachisch jüdisch ist, weil er
die erforderliche jüdische Mutter oder Großmutter mütterlicherseits
vorweisen kann, als Jude zu definieren, der das überhaupt nicht will und
sich anders entschieden hat? Warum werden - andererseits - Menschen, die
einen jüdischen Vater und eine jüdische Identität haben in den jüdischen
Gemeinden Deutschlands massiv ausgegrenzt und diskriminiert?
Es gibt - meiner Ansicht nach - nur eine Definition, die wirklich
„funktioniert": Jude / Jüdin ist, wer Judentum ernst nimmt und darauf
eine persönliche Antwort durch sein/ihr Leben gibt. Da „Judentum" sehr
monolithisch klingt (als ob es eine für alle verbindliche Form geben
könnte), spreche ich lieber von „jüdisch sein". Ernst nehmen heißt: sich
mit der Tradition in ihren unterschiedlichen Ausprägungen (religiös,
historisch, kulturell...)beschäftigen, ja mit ihr ringen, sich darüber
streiten und darin leben, weil man seine eigenen Zugänge und
Ausdrucksformen gefunden hat und immer wieder neu findet - sei es
religiös oder säkular. Dies kann sich in unterschiedlichen
Lebensbereichen niederschlagen:
- was bedeutet mir mein hebräischer Name? Wenn ich keinen bekommen habe,
welchen möchte ich mir vielleicht aussuchen? Von wem möchte ich mit
welchem Namen angesprochen werden?
- Lernen und Gebet (modern ausgedrückt: Spiritualität)
- Welche Symbole sind mir wichtig und wie beziehe ich mich auf sie?
n Welche jüdischen Feiertage halte ich - mit wem und wie gestalte ich
sie? Welche Strukturen gebe ich mir im Alltag?
- Welchen Stellenwert hat Israel für mich?
(So habe ich für mich in den beiden letzten Jahren Tu Bi Schewat ganz
neu entdeckt und andere zu einem Seder eingeladen. Durch diesen neuen
Zugang hat sich auch meine Beziehung zu Israel verändert)
- Wie unterstütze ich die, die auf meine Solidarität ein Recht haben
(zedaka)?
- Drückt sich mein jüdisch sein auch im Umgang mit Nahrungsmitteln und
deren Produktionsbedingungen aus? Für welche Kaschrut-Standards
entscheide ich mich? Ist ein koscherer Wein aus Israel, von dessen
Produktion wirtschaftlich die Siedlerbewegung profitiert, die eine
andere Menschengruppe systematisch diskriminiert, wirklich koscher -
trotz oder wegen seines Kaschrut-Zertifikats?
- Wie und wo kann ich zur Bereicherung jüdischen Lebens beitragen und
welchen spezifischen Beitrag kann ich zur Gestaltung einer lebenswerten
Welt (tikkun olam) leisten?
- Wie gehe ich mit der im Judentum immanenten Spannung zwischen
Partikularismus und Universalismus um?
Für mich ist jüdisch, wer einen jüdischen Elternteil hat oder
konvertiert ist, sich selbst als Jude definiert und sich erkennbar auf
wenigstens eine dieser Fragestellungen bezieht und sich in irgendeiner
Form - nicht nur finanziell - in eine jüdische Gemeinschaft einbringt.
Das kann eine jüdische Gruppe, eine offizielle jüdische Gemeinde etc.
sein. Das würde für Konversionswillige auf die Frage rauslaufen: „Willst
Du mit Juden - in welcher Form auch immer - zusammenleben?"
Was könnte jüdische Kunst sein?
„Das Judentum aber ist eine sehr
persönliche Angelegenheit, eine ganz bestimmte Lebensform, in der
Erlebtes, Geschehenes, Gedachtes und Gelesenes zu einem eigenständigen
Ganzen werden, das von meiner Person nicht zu trennen ist" schrieb die
Malerin Charlotte Kohn-Ley. Jüdische Kunst könnte dann bedeuten, dieser
ganz persönlichen Sichtweise Ausdruck zu geben und dadurch andere
anzuregen, sich mit unterschiedlichen Anliegen und Fragen
auseinanderzusetzen. Jüdische Kunst sollte Anregung geben, sich mit
aktuellen innerjüdischen sowie mit gesamtgesellschaftlichen
Fragestellungen zu befassen, z.B:
- Wie kann jüdische Tradition an die folgenden Generationen
weitergegeben werden?
- welchen Beitrag kann das Judentum zum Miteinander verschiedener
kultureller Gruppen leisten?
- Sind „Misch"-Ehen (unterschiedliche religiöse Zugehörigkeit der
Partner) wirklich der Anfang des Niedergangs des Judentums, wie häufig
polemisch behauptet wird oder könnten sie eine positive Herausforderung
, vielleicht sogar eine Quelle von Inspiration sein, weil durch sie eine
andere - eine neue Qualität von Fragen in die jüdische Gemeinschaft
kommt?
- Wie können Randgruppen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft (jüdische
Singles, Kinder jüdischer Väter, Schwule und Lesben, geistig Behinderte,
Gefängnisinsassen) ihren Platz finden? Was wird abgespalten, wenn sie
keinen Platz finden können?
- Welche jüdischen Werte können in welcher Form einen Beitrag zu einer
gerechteren Welt leisten?
- Wie kann das Spannungsfeld Partikularismus - Universalismus fruchtbar
gemacht werden für ein spezifisch europäisches Judentum?
Welche jüdischen Symbole möchten
Sie in das nächste Jahrtausend mitnehmen?
Die unterschiedlichen Symbole bringen
verschiedene Aspekte meines Jüdischseins zum Ausdruck:
1. Schabbatleuchter - Kidduschbecher und Challe-Teller:
Diese Gegenstände hat eine Künstlerin nach meinen Vorstellungen aus Ton
angefertigt. Ich habe eine besondere Beziehung zu Ton, weil ich selber
viel damit gearbeitet habe. Es ist meine spezifische Form. Ich habe mich
bewußt gegen Silber entschieden, weil silberne Ritualien oft darauf
hindeuten, daß sie von früheren Generationen vererbt worden sind. Vom
jüdischen Teil meiner Familie gibt es keinen materieller Gegenstand, der
die Familientradition manifestiert: weder Ritualien noch Fotos von
VORHER. Mein Erbe ist ein geistiges und ein gelebtes und ich muß / darf
meinen eigenen „materiellen" Ausdruck finden - der sowohl den Abbruch
als auch die Weiterführung darstellt.
2. „Stunden der Andacht" von Fanny Neuda. Dieses Buch wurde
generationenlang im deutschsprachigen Bereich ein Bestseller für Frauen,
in dem Gebete für die unterschiedlichsten Lebenslagen enthalten sind.
Eine Berliner Emigrantin, die - wie ich - ihre Wurzeln im
deutschsprachigen Judentum hat, hat mir ihr Exemplar von 1902 gegeben,
das mir sehr kostbar ist, weil es eine Brücke zum FRÜHER darstellt.
3. Chanukkia: In Israel habe ich eine Chanukkia gefunden, die eine
israelische Künstlerin hergestellt hat, deren Eltern aus Wien geflohen
waren. Sie symbolisiert somit eine Verbindung zu unterschiedlichen
Aspekten meines Erbes
4. CD-Rom Tour durch die Bibel: Diese CD-Rom, von der ich die deutsche
Übersetzung und Bearbeitung erstellt habe, steht für einen Teil meiner
Auseinandersetzung und meines Zugangs zur jüdischen Tradition und für
meine Begeisterung für neue Medien und ihre Möglichkeiten. Sie steht
auch für positive Gespräche und Begegnungen mit einem orthodoxen
Rabbiner aus Fürth, die ich als sehr positiv und bereichernd erlebt habe
- aber ebenso für den Abbruch einer jahrelangen wichtigen Freundschaft
und den damit verbundenen Schmerz - eben für das Unerwartete im Leben.
5. Mein Tallit in verschiedenen lila und violett-Tönen (Blaupurpur und
Rotpurpur) steht für ein inklusives Judentum, das Männer und Frauen
gleiche Teilhabe ermöglicht.
Was könnte eine
jüdisch-europäische Identität sein?
Mein erster Impuls war, beschreiben zu
wollen, was europäisch-jüdische Identität von der israelischen oder
amerikanischen unterscheidet - also eine abgrenzende Definition. Eine
jüdisch-europäische Identität konstituiert sich aus den spezifischen
Eigenheiten der europäisch jüdischen Geschichte, kulturellen
Traditionen, Gedenkräumen, Arten des Aneignens...
Juden haben aufgrund ihrer historischen Erfahrungen auf diesem Kontinent
gelernt, unterschiedliche Zugehörigkeiten nicht als Hindernis, sondern
als Bereicherung zu sehen und zu leben. Damit könnten sie als Gruppe
eine Art Modellfunktion für eine gelebte Vielfalt haben. Sie könnten ein
Zeichen der Ermutigung sein in einer Phase, in der immer kleinere
nationale Gebilde sich abgrenzen. So könnten sie ein Modell für gelebte
Verschiedenheit sein, eine Art Baustelle und daraus Anregungen und
spezifische Beiträge für gegenwärtige Konfliktlagen entwickeln und sich
auch innerjüdisch als eigene Melodie hörbar machen im Dreiklang Europa -
Israel - Amerika.
Teil I von
Ronnie Golz
Dieser Artikel wurde in der ersten Ausgabe
des europäisch jüdischen Magazins
GOLEM im Dezember 1999 publiziert. GOLEM wird von der Gruppe
Meshulash
herausgegeben.
Jewish Life in
Berlin
haGalil onLine
18-04-2000
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